02.09.2026
Auf Tagung mit Dr. Simon Syga – Unter Nobelpreisträger:innen und Nachwuchswissenschaftler:innen
Einmal führenden Köpfen der Wissenschaft persönlich begegnen – für Dr. Simon Syga, Mathematiker am Center for Interdisciplinary Digital Sciences (CIDS), wurde dieser Traum in diesem Sommer Wirklichkeit. Bei der 75. Lindauer Nobelpreisträgertagung waren 75 Nobelpreisträger:innen und mehrere hundert Nachwuchsforschende aus aller Welt eingeladen. Für jeden jungen Forschenden ist es eine Ehre und eine Auszeichnung, zur Nobelpreisträgertagung eingeladen zu werden. Dr. Syga wurde für die Tagung von Prof. Andreas Deutsch vom Zentrum für Informationsdienste und Hochleistungsrechnen (ZIH) vorgeschlagen.
Simon Syga verbindet Mathematik, Physik und Onkologie und erforscht mit mathematischen Modellen, wie Tumore sich entwickeln und wo Therapien ansetzen können. Dass Wissenschaft auch für ein breites Publikum verständlich sein kann, bewies er zudem als Mitautor des Buches „Mathematik der Pandemie".
Wir haben nachgefragt, wie er die intensive Woche am Bodensee erlebt hat – von unvergesslichen Begegnungen bis zu den Impulsen, die er mit zurück nach Dresden bringt.
Dr. Syga, einmal für Nicht-Wissenschaftler:innen: Wie kommt man zu einer Einladung zur Lindauer Nobelpreisträger-Tagung?
Antwort: In der Regel wird man zunächst von einer Universität oder Forschungseinrichtung nominiert. Ich selbst wurde vom Center for Interdisciplinary Digital Sciences (CIDS) der TU Dresden vorgeschlagen und dann zusammen mit Dr. Tianyi Zhang aus der Fakultät Physik nominiert. Im nächsten Schritt folgte die eigentliche Bewerbung, bei der unter anderem Lebenslauf, Motivationsschreiben, Publikationsliste und zwei Unterstützungsschreiben eingereicht werden.
Die Jubiläumstagung 2026 war bewusst interdisziplinär ausgerichtet – genau richtig für Sie als Forscher an der Schnittstelle von Mathematik, Physik und Onkologie.
Antwort: Ja, ich habe Physik studiert, in Mathematik promoviert und beschäftige mich heute mit Fragestellungen aus Medizin und Biologie. Das Treffen bot mir dadurch die Gelegenheit, mich mit Nobelpreisträger:innen und jungen Wissenschaftler:innen aus sehr unterschiedlichen Fachrichtungen auszutauschen. Besonders interessant fand ich auch die interdisziplinären Diskussionsrunden, zum Beispiel zu „Food Security“ und „Science in a Changing Climate“.
Gab es eine Begegnung mit einer/einem Nobelpreisträger:in, die Sie besonders geprägt hat? Was ist Ihnen davon in Erinnerung geblieben?
Antwort: Besonders in Erinnerung geblieben ist mir Katalin Karikó, die 2023 den Nobelpreis für Physiologie/ Medizin erhielt. In ihrer sehr persönlichen Vorlesung sprach sie nicht nur über ihre Forschung, sondern auch über die Hoch- und Tiefpunkte ihrer Karriere. Dazu gehörten neben großen wissenschaftlichen Durchbrüchen auch Rückschläge wie abgelehnte Förderanträge, eine Herabstufung und der Verlust wissenschaftlicher Stellen. Ihre Geschichte zeigt für mich, dass gute Ideen und wichtige Forschung nicht immer sofort erkannt und belohnt werden und dass neben Durchhaltevermögen auch Unterstützung und ein gewisses Quäntchen Glück eine Rolle spielen.
Welches Gespräch, welcher Vortrag oder welcher Moment war für Sie der unerwartete Höhepunkt der Woche?
Antwort: Zu den unerwarteten Höhepunkten gehörten für mich die Laureate Lunches, also Mittagessen mit Nobelpreisträger:innen in kleiner Runde. Dort habe ich unter anderem von Saul Perlmutters Initiative Scientific Thinking for All erfahren. Gemeinsam mit Kolleg:innen aus anderen Fachrichtungen hat er einen Kurs entwickelt, in dem es weniger darum geht, wissenschaftliche Fakten zu lernen, sondern darum, wissenschaftliches Denken zu vermitteln: Wie geht man mit Unsicherheit um? Wie bewertet man Belege? Wie prüft man Gegenargumente und wann sollte man bereit sein, seine eigene Meinung zu ändern? Ich halte das für ein sehr wichtiges Anliegen und würde mir wünschen, dass es ähnliche Kurse und Unterrichtseinheiten auch bei uns an der TUD gäbe.
Sie modellieren mit mathematischen Methoden, wie sich Tumore entwickeln und schaffen eine Grundlage für neue Therapieansätze. Haben Sie in Lindau Impulse mitgenommen, die für Ihre Arbeit am CIDS relevant sein könnten?
Antwort: Für meine eigene Forschung war besonders interessant, potenzielle Projektpartner aus dem klinisch-biologischen Bereich kennenzulernen. Gerade für mathematische Modelle in der Krebsforschung ist der Austausch mit experimentell und klinisch arbeitenden Forschenden wichtig, damit Modelle an konkreten biologischen Fragestellungen und Daten ausgerichtet werden können. Außerdem haben einige Nobelpreisträger Einblicke gegeben, wie sie ihre eigenen Forschungsgruppen führen.
Die Woche hat mich darin bestärkt, dass Wissenschaft nicht nur darin besteht, immer speziellere Fragen im eigenen Fachgebiet zu beantworten, sondern auch darin, sich mit anderen Disziplinen auszutauschen und wissenschaftliche Erkenntnisse in gesellschaftliche Debatten einzubringen. Das stimmt mich vorsichtig optimistisch, dass wir auch große Herausforderungen wie die Klimakrise oder Wasser- und Nahrungsmittelknappheit bewältigen können, wenn wissenschaftliche Erkenntnisse ernst genommen und in politische Entscheidungen einbezogen werden.
Vielen Dank für das Gespräch!