10.08.2018

Das weiße Haus“ von Marokko zu Gast im Palais Großer Garten. 15. Architekturpreis für originäre marokkanische Stadtteilplanung „El Hank“ verliehen

Entwurf El Hank © Farhad Babayev Entwurf El Hank © Farhad Babayev
Entwurf El Hank

© Farhad Babayev

„Das weiße Haus“, die größte Stadt Marokkos, fand durch den Filmklassiker Verewigung: Casablanca – eine Stadt mit einer wechselvollen Geschichte. Im 16. Jahrhundert zunächst von den portugiesischen Eroberern Casa Branca bezeichnet, nach einem Erdbeben auf Arabisch in Ad-Dār al-bayāʾ umbenannt, erhielt sie schließlich im 19. Jahrhundert ihren heutigen Namen von spanischen Händlern. Hier bilden maurischer Baustil aus dem 18. Jahrhundert und modernes europäisches Flair einen Kontrast zu den Anfang bis Mitte des 20. Jahrhunderts entstandenen Slums, den „Bidonvilles“. Einige dieser im Zuge des rasanten Bevölkerungswachstums entstandenen Stadtteile wie El Hank stehen vor dem Abriss und der kompletten Umwandlung. Für El Hank entwarf der Architekturstudent Farhad Babayev im Rahmen einer Studienarbeit an der TU Dresden eine Neuplanung. Dafür bekam er heute (10. August 2018) von der Jury, bestehend aus Architekten und Landschaftsarchitekten, den ersten Preis beim 15. Architekturpreis der TUD verliehen. Insgesamt sichteten das Team von Architekturprofessor Carsten Lorenzen sowie die Jury 130 Projekt- und Diplomarbeiten aus dem letzten Sommer- und Wintersemester zu vielfältigen Architekturthemen wie Denkmalpflege, Öffentliche Bauten und Städtebau. Davon sind 80 Entwürfe noch bis zum 19. August im Palais im Großen Garten Dresden öffentlich ausgestellt.

Babayevs Arbeit schaffte es durch alle drei Auswahlrunden – die erste Vorauswahl, die Präsentation vor der Jury beim ersten Rundgang und die finale Runde mit zehn übrig gebliebenen Arbeiten. Besonders fielen der Jury aus Adrian Dorschner (Architekturwerkstatt FHS St. Gallen), Florian Fischer (»Almannai Fischer Architekten«, München), Bettina Kunst (Hochschule Bremen, TU Braunschweig, Hamburger Architektenkammer), Falk Leinert (LeinertLorenz Architekten, Dresden) und Jens Rossa (Architektenkammer Sachsen) die „einfache, aber pointierte Analyse“ sowie die „äußerst delikaten Visualisierungen“ ins Auge. Laut Bettina Kunst komme der „originäre Beitrag zur Stadtentwicklung im arabisch geprägten Kulturraum gänzlich ohne die Reproduktion maurisch-kolonialer Klischees aus.“ Die Jury bewertete einerseits, ob eine Arbeit die wesentliche Aussage des Projektes transportiert, ob das Konzept schlüssig ist und welche Ideen darin stecken. Andererseits beurteilten die Experten, ob das Thema grafisch ansprechend dargestellt wurde. Die Studienarbeit von Babayev entstand im Rahmen der Architekturvertiefung Städtebau bei Prof. Dipl.-Ing. Manuel Bäumler. Aufgabe war es, eine Zukunftsperspektive für El Hank zu entwerfen, sich unter anderem detailliert mit Situationen im Gebiet, dem großstädtischen Kontext und den speziellen Typologien auseinanderzusetzen. Farhad Babayev erklärt, dass bei seinem Entwurf „Wohnungen und Häuser sehr verschiedener Klassen möglich sind. Somit werden nicht nur Erkenntnisse aus marokkanischer Wohnkultur übersetzt und umgesetzt, noch mehr stellt man sich der Gefahr der Umwandlung.“

Den zweiten Preis erhielt Vinzenz Müller für seinen Entwurf zur Erweiterung des Naturhistorisch-Archäologischen Museums „Museo Naturalistico Archeologica“ in Vicenza. Der dritte Preis ging an Klara Laux für ihre atmosphärische Planung eines Krematoriumgebäudes, einer Feierhalle und verschiedener Abschiedsorte auf dem Heidefriedhof Dresden. Zusätzlich wurden drei Anerkennungen für besonders herausragende Arbeiten vergeben, die es nicht in die Preisverleihung schafften. Damit sollen auch jene Arbeiten geschätzt werden, die Diskussionen auslösen, Denkanstöße und Alternativen aufzeigen oder grafisch gut aufbereitet sind wie etwa die Wanderherberge Burg Pottstein von Martin Balssuweit. Laut Tobias Maisch, Organisator des Architekturpreises, „werde durch viele kleine Bilder eine Geschichte erzählt.“ Er sei generell fasziniert von der hohen Qualität, der hohen Durchdringungstiefe der Aufgabenstellungen, vom Detailierungsgrad und hohen Niveau der Darstellungen. „Der Architekturpreis schafft es, das auch nach außen zu tragen“, so Maisch. Besucher der Ausstellung im Palais Großen Garten erwartet vom 11. bis zum 19.  August jeweils von 14 bis 20 Uhr eine Werkschau, die die Bandbreite und Vielfalt der zeitgenössischen Architektur sowie die Art und Weise, wie Modelle entworfen werden, zeigt.

Hintergrundinformation zu El Hank:
Aus der Altstadt Casablancas, der sogenannten Medina, entwickelte sich nach dem Ausbau des Hafens Anfang des 20. Jahrhunderts über einen kurzen Zeitraum eine Metropole. Damit ging ein rasantes Bevölkerungswachstum einher, das eine große Wohnungsnot und die Bildung von Slums („Bidonvilles“) zur Folge hatte. Diese Bidonvilles ziehen sich noch heute bis ins Stadtzentrum. Bereits seit den 50er Jahren sind die Behörden bestrebt, bezahlbaren Wohnraum anzubieten. Dadurch entstanden neue Stadtviertel, deren Gebäude durch französische Architekten geplant wurden. Dabei wurde versucht, die traditionelle marokkanische Lebensweise mit moderner Architektur zu verbinden. Einige davon haben sich fest im Stadtbild etabliert, andere, wie El Hank, stehen vor dem Abriss und der kompletten Neuplanung. El Hank besitzt eine sehr niedrige Bevölkerungsdichte und große Teile des Gebietes sind stark zerklüftet.

Informationen für Journalisten:
Tobias Maisch
Tel.: +49 (0) 351 463-34299
tobias.maisch@tu-dresden.de

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Letzte Änderung: 10.08.2018