03.06.2026
Europäisches Forschungsprojekt untersucht frühe Indikatoren für Autismus-Spektrum-Störungen bei Frühgeborenen
MICRO-NEST geht davon aus, dass prä- und perinatale Mikroumgebungen – einschließlich des Immunsystems, des Darmmikrobioms und der Ereignisse in der frühen Kindheit – ein schützendes „Nest“ bilden. Dieses prägt die genetisch gesteuerte Reifung des Gehirns.
Prof. Mareike Albert und ihr Team am Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) der Technischen Universität Dresden (TUD) sind Teil eines neuen internationalen Forschungsverbunds aus Europa und Australien. Gemeinsam untersuchen die Teams frühe biologische Marker für Autismus-Spektrum-Störungen. Mit innovativen Ansätzen wollen die Forschenden spezifische Indikatoren bei Kindern identifizieren, die vor der 37. Schwangerschaftswoche als Frühgeborene zur Welt kamen. Das Projekt „MICRO-NEST“ wird durch das EU-Rahmenprogramm Horizon Europe mit 6 Millionen Euro gefördert.
Autismus-Spektrum-Störungen gehören zu den zehn häufigsten Ursachen für gesundheitliche und entwicklungsbedingte Herausforderungen bei Menschen unter zwanzig Jahren. Das Projekt MICRO-NEST hat sich zum Ziel gesetzt, die frühzeitige Erkennung und die individuelle Begleitung von frühgeborenen Kindern im Autismus-Spektrum grundlegend zu verbessern. Diese Gruppe ist bisher wissenschaftlich noch unzureichend erforscht, obwohl ihre langfristige Entwicklung stark von frühzeitigen Unterstützungs-, Therapie- und Förderangeboten profitieren kann.
Bei Jungen wird die Diagnose meist erst um den fünften Geburtstag gestellt; bei Mädchen oft noch deutlich später. Professor Pierre Gressens, Koordinator des MICRO-NEST-Projekts, betont, dass die Initiative zu besseren Diagnosen und mehr Chancengleichheit für diese Kinder führen soll.
„Diese verpassten Chancen für frühzeitige Unterstützung und Förderung in den ersten, kritischen Lebensjahren werden oft durch ungleichen Zugang zu Angeboten noch verschärft und haben hohe lebenslange Belastungen für die Einzelnen, ihre Familien und die Gesundheitssysteme zur Folge“, so Gressens. „MICRO-NEST adressiert diese Lücke in der Frühdiagnostik von Autismus. Das Konsortium zielt darauf ab, biologische Marker in der frühen Lebensphase zu identifizieren, neue Instrumente zu entwickeln und an Leitlinien für die neonatologische Versorgung und Unterstützung zu arbeiten.“
Frühgeburt als Einflussfaktor
Eine Frühgeburt ist ein einschneidendes Ereignis im frühen Leben und eine der Hauptursachen für neurobiologische, kognitive und verhaltensbezogene Besonderheiten. Bei frühgeborenen Kindern wird aufgrund von Veränderungen in der frühen Gehirnentwicklung dreimal häufiger eine Diagnose im Autismus-Spektrum gestellt.
MICRO-NEST geht davon aus, dass prä- und perinatale Mikroumgebungen – einschließlich des Immunsystems, des Darmmikrobioms und der Ereignisse in der frühen Kindheit – ein schützendes „Nest“ bilden. Dieses prägt die genetisch gesteuerte Reifung des Gehirns. Viele Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen leben zudem mit gastrointestinalen Beschwerden, die mit einem Ungleichgewicht im Darm-Mikrobiom zusammenhängen – ein Bereich, dessen Erforschung und Behandlung hohe Priorität hat.
Innovativer und interdisziplinärer Ansatz
MICRO-NEST wird einen innovativen Ansatz nutzen, um die Epigenomik, Glykomik, Immunprofilierung und das Mikrobiom zu untersuchen und modernste Bildgebung des Gehirns zu verwenden. So sollen die mechanistischen Interaktionen zwischen Frühgeburt, Entzündungsprozessen und Autismus-Spektrum-Störungen entschlüsselt werden.
Prof. Mareike Albert und ihre Arbeitsgruppe am CRTD gelten als führende Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der epigenetischen Regulation. „Unsere Gene sind der Bauplan des Lebens, aber die Epigenetik beeinflusst, welche Kapitel dieses Bauplans tatsächlich gelesen werden“, erklärt Prof. Mareike Albert, Forschungsgruppenleiterin am CRTD und Professorin für Epigenomik und neuronale Entwicklung an der Fakultät Biologie der TU Dresden.
„Unser ganzes Leben lang spiegeln sich Umwelteinflüsse in diesen molekularen Schaltern wider – sie können bestimmte Gene stummschalten oder die Aktivität anderer hochfahren. Im MICRO-NEST-Projekt nutzen wir unsere Expertise in der Epigenetik und der menschlichen Gehirnentwicklung, um präklinische Modelle für Autismus-Spektrum-Störungen im Zusammenhang mit Frühgeburt zu charakterisieren.“
Technologie des „Digitalen Zwilling“
Durch die umfassende Analyse von Daten aus bestehenden europäischen Studien sowie präklinischen Untersuchungen werden die MICRO-NEST-Forschenden einen KI-gestützten digitalen Zwilling für Autismus-Spektrum-Störungen entwickeln – ein weltweit einzigartiges Werkzeug für die Diagnostik.
Mit dieser Technologie sollen Klinikerinnen und Kliniker in der Lage sein, komplexe Daten in konkrete, handlungsorientierte Erkenntnisse zu übersetzen. Dies ermöglicht es, maßgeschneiderte Pläne zur Unterstützung sowie für die Behandlung belastender Symptome, wie Magen-Darm-Beschwerden, zu erstellen.
Zentral für MICRO-NEST ist dabei die enge Zusammenarbeit zwischen der Forschung und Menschen, die persönliche Erfahrung mit Autismus-Spektrum-Störungen und Frühgeburt mitbringen.
Ein echtes Gemeinschaftsprojekt
Von Projektbeginn an sorgt ein kontinuierlicher Austausch zwischen Forschungsteams, Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen und Angehörigen dafür, dass die Ergebnisse der Studie praxisnah sind, um die Lebensqualität nachhaltig zu verbessern und den am stärksten gefährdeten Mitgliedern der Gesellschaft zugutezukommen. Das Expertenteam von MICRO-NEST aus Europa und Australien startet im September 2026 in das auf fünf Jahre angelegte Projekt.
Partner:
Inserm (Koordinator), RMIT Europe, University Medical Center Utrecht, Universitätsklinikum Essen, King’s College London, University of Edinburgh, Maastricht University, Universitätsmedizin Rostock, Gothenburg University, Unapei, Global Foundation for the Care of Newborn Infants, Technische Universität Dresden, Genos Ltd, University of Geneva, Inserm Transfert SA, RMIT University.
Über das Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD)
Am Zentrum für Regenerative Therapien Dresden (CRTD) der TU Dresden widmen sich Spitzenforscher und -forscherinnen aus rund 25 Ländern neuen Therapieansätzen. Sie entschlüsseln die Prinzipien der Zell- und Geweberegeneration und ergründen deren Nutzung für Diagnose, Behandlung und Heilung von Krankheiten. Das CRTD verknüpft Labor und Klinik, vernetzt Forschende mit Klinikerinnen und Klinikern, nutzt Fachwissen in Stammzellforschung, Entwicklungs- und Regenerationsbiologie, um letztlich die Heilung von Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson, hämatologischen Krankheiten wie Leukämie, Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes sowie Augen- und Knochenerkrankungen zu erreichen. Das CRTD wurde 2006 als Forschungszentrum der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gegründet und bis 2018 als DFG-Forschungszentrum, sowie als Exzellenzcluster gefördert. Seit 2019 wird das CRTD mit Mitteln der TU Dresden und des Freistaates Sachsen finanziert.
Das CRTD ist eines von drei Instituten der zentralen wissenschaftlichen Einrichtung Center for Molecular and Cellular Bioengineering (CMCB) der TU Dresden.
www.tud.de/crtd
www.tud.de/cmcb
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