23.01.2018

Gefährdete Flussmuscheln: UN-Dekade für biologische Vielfalt zeichnet Artenschutzprojekt aus

Flussperlmuschel © T. Schiller Flussperlmuschel © T. Schiller

Flussperlmuschel im Vogtland

Flussperlmuschel

Flussperlmuschel im Vogtland © T. Schiller

Ein Verbundprojekt zum Schutz zweier einheimischer Süßwassermuschelarten unter Federführung der TU Dresden wird am 23. Januar 2018 als UN–Dekadeprojekt der Biologischen Vielfalt ausgezeichnet.

Malermuschel (Unio pictorum) und Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera) waren früher in den Gewässern Mitteleuropas weit verbreitet. Die Flussperlmuschel war wegen ihrer kostbaren Perlen und als Perlmutt-Lieferant begehrt. Die Malermuschel soll ihren Namen erhalten haben, weil Maler einst in den Schalen ihre Farben anmischten. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Populationen jedoch drastisch zurückgegangen, sodass die Malermuschel mittlerweile stark gefährdet und die Flussperlmuschel sogar vom Aussterben bedroht ist. Die verbliebenen Bestände sind oft genetisch verarmt und stark überaltert. Die Ursachen sind vielfältig und überwiegend menschengemacht: Pestizide, Arzneimittelrückstände und Nährstoffeinträge durch Düngemittel verschmutzen das Wasser, natürliche Lebensräume werden durch den Gewässerausbau wie zum Beispiel Begradigungen oder Abtrennung von Auen zerstört. Durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung der Einzugsgebiete und zunehmende Erosion gelangen große Mengen Feinsedimente in die Gewässer, die die Substratqualität, also die Beschaffenheit des Gewässerbodens, verschlechtern. Für die Muscheln ist das problematisch, denn in den ersten Lebensjahren ist der Gewässerboden der Lebensraum für die Jungtiere. Darüber hinaus mangelt es oft an Wirtsfischen: Im Larvenstadium lebt der Nachwuchs der Flussperlmuschel parasitär und ist auf die Bachforelle angewiesen.

Im Projekt „ArKoNaVera – Umsetzung regionaler Schutzmaßnahmen und Entwicklung eines neuen überregionalen Artenschutzkonzeptes für die Nationalen Verantwortungsarten“ entwickeln Wissenschaftler gemeinsam mit Umsetzungspartnern aus der Praxis konkrete Maßnahmen, die die Populationen von Flussperlmuschel und Malermuschel langfristig stabilisieren sollen. Dies ist aus vielerlei Gründen wichtig. „Flussmuscheln sind natürliche Wasserfilter und tragen zur Reinhaltung der Gewässer bei“, sagt Dr. Jana Schneider, Projektkoordinatorin am Institut für Hydrobiologie der TU Dresden. „Muschelschutz ist eine sehr komplexe Herausforderung. Maßnahmen wie die Renaturierung von Gewässern oder die Umnutzung erosionsgefährdeter Flächen kommen nicht nur den Flüssen und Seen, sondern auch deren Umfeld an Land zugute. Strukturreiche und somit vielfältige Landschaften besitzen einen hohen Erholungswert und fördern den Tourismus, der gezielt zu einer nachhaltigen Nutzung dieser Regionen beitragen kann.“ Die naturnahe Struktur der Muschelgewässer mit ihren angrenzenden Überflutungsflächen dient darüber hinaus dem Hochwasserschutz, da diese das Wasser zurückhalten und anschließend verzögert wieder abgegeben. Damit sich die Bestände von Flussperlmuschel und Malermuschel erholen können, ist die genaue Erforschung der Tiere und deren Ansprüche an den Lebensraum der erste Schritt. Die Wissenschaftler untersuchen unter anderem, wie sich die Nahrung der Muscheln zusammensetzt und wie ihre Habitate verbessert werden müssen. Um die Populationen in ihrer Größe und genetischen Vielfalt zu stützen sowie ihre Reproduktion wiederherzustellen, werden Flussperlmuscheln gezielt nachgezüchtet und in möglichst optimalen Gewässerabschnitten ausgewildert. Das Projektgebiet umfasst Sachsen und Niederbayern.

Ausführliche Informationen zum Verbundprojekt unter http://www.flussmuscheln.de

Die Auszeichnungsveranstaltung mit dem Staatsminister für Umwelt und Landwirtschaft, Thomas Schmidt, findet am 23. Januar 2018, ab 16:00 Uhr, an der TU Dresden im Festsaal Dülferstraße statt. Journalisten sind herzlich eingeladen, mit den Projektpartnern ins Gespräch zu kommen und in einer Ausstellung mehr über das Forschungsprojekt zu erfahren.

Hintergrund
Die Vereinten Nationen haben die Jahre 2011 bis 2020 zur UN-Dekade für die biologische Vielfalt erklärt. Die Staatengemeinschaft ruft damit die Weltöffentlichkeit auf, sich für die biologische Vielfalt einzusetzen. Hintergrund ist ein kontinuierlicher Rückgang an Biodiversität in fast allen Ländern der Erde. Die Dekade soll die Bedeutung der Biodiversität für das Leben aller bewusst machen und Handeln anstoßen. Im Rahmen eines Wettbewerbs werden Projekte ausgezeichnet, die sich in besonderer Weise für die Erhaltung, Nutzung oder Vermittlung der biologischen Vielfalt einsetzen. http://www.undekade-biologischevielfalt.de

Nationale Verantwortungsarten sind Arten, für deren Schutz Deutschland eine besondere Verantwortung hat, weil sie nur hier vorkommen bzw. ein bedeutender Teil der Weltpopulation hier beheimatet ist. Details dazu auf den Seiten des Bundesamtes für Naturschutz: https://www.bfn.de/themen/artenschutz/gefaehrdung-bewertung-management/verantwortungsarten.html

Projektinformationen
„ArKoNaVera – Umsetzung regionaler Schutzmaßnahmen und Entwicklung eines neuen überregionalen Artenschutzkonzeptes für die nationalen Verantwortungsarten: Flussperlmuschel (Margaritifera margaritifera) und Malermuschel (Unio pictorum)“

Das Verbundprojekt wird von Juni 2015 bis Mai 2021 mit insgesamt rund 6,1 Mio. Euro durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) gefördert.

Projektpartner
Forschung

TU Dresden, Institut für Hydrobiologie (Verbundkoordination)
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)  (Department Fließgewässerökologie)
TU München (Lehrstuhl für Aquatische Systembiologie)
Fraunhofer-Zentrum für internationales Management und Wissensökonomie (IMW)

Umsetzung
Landkreis Passau (Landschaftspflegeverband Passau e.V.)
Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt / Naturschutzfond
Landratsamt Vogtlandkreis (Untere Naturschutzbehörde)
Gesellschaft für Wasserwirtschaft, Gewässerökologie und Umweltplanung

Informationen für Journalisten
Dr. Jana Schneider
Tel.: +49 (0) 351 463-32329
Jana.Schneider2@tu-dresden.de

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Dekanat Umweltwissenschaften
Letzte Änderung: 23.01.2018