02.10.2018
Inklusion geht nur zusammen! - Prof.in Anke Langner im Interview
Inklusion im Fremdwörterbuch
Prof. Anke Langner spricht im Interview mit dem Universitätsjournal über die Ringvorlesung »Inklusion: Interdisziplinäre Perspektiven«.
Im Wintersemester startet an der TU Dresden eine Ringvorlesung »Inklusion: Interdisziplinäre Perspektiven«. UJ sprach mit der Organisatorin der Ringvorlesung, Prof'in Anke Langner. Sie hat die Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt »Inklusive Bildung« an der Fakultät Erziehungswissenschaft inne und ist Direktorin des Instituts für Erziehungswissenschaft.
Die Ringvorlesung startet am 18. Oktober 2018, umfasst 13 Vorträge und schließt mit einer Klausur ab. Termine und Programm stehen unter https://tu-dresden.de/gsw/der-bereich/termine/ringvorlesung-inklusion-interdisziplinaere-perspektiven.
Nachlesen können Sie das Interview in der Ausgabe 15/2018 des Universitätsjournals vom 2. Oktober 2026 (Download als Pdf) oder unten auf dieser Seite.
Über das Dresdner Universitätsjournal
Das Dresdner Universitätsjournal war bis Ende 2022 die Zeitung der TU Dresden. Das Journal wurde von der Rektorin herausgegeben und berichtete während der Semester alle 14 Tage Aktuelles aus Lehre und Forschung, aus den Fakultäten und der Verwaltung. Gleichzeitig schlug es Brücken zwischen Lehrenden und Studierenden sowie zwischen Universität, Kommune und Freistaat. Das Archiv der UJ-Ausgaben 1995 bis 2022 findet sich auf den Seiten der Pressestelle.
Das Interview zum Nachlesen
UJ: Warum ist eine interdisziplinäre Betrachtung von Inklusion notwendig?
Prof. Anke Langner: Inklusion als Begriff ist ohne Frage in aller Munde durch die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung, die 2009 durch Deutschland ratifiziert wurde. Im deutschen Sprachraum wurde er jedoch bereits davor durch niemand geringeren als Niklas Luhmann – also einem Soziologen geprägt. Folglich sind so schon zwei Disziplinen notwendig, um sich dem Begriff Inklusion zu nähern, die Soziologie und die Erziehungswissenschaft. Wenn man sich die UN-Konvention aber einmal genauer anschaut, werden dort gleich eine Reihe unterschiedlicher Lebensbereiche angesprochen. Insofern betrifft das Thema auch andere Disziplinen.
Des Weiteren erscheint bei näherem Hinsehen eine interdisziplinäre Auseinandersetzung über die Frage notwendig, da der Begriff Inklusion nicht ohne den Begriff der Exklusion denkbar ist. Auch der Exklusionsbegriff geht auf Luhmann, sowie auf Robert Castel zurück. Das heißt, wenn man sich mit Fragen der Inklusion auseinandersetzt, muss man zwangsläufig sich mit Formen der Exklusion befassen oder anders formuliert: Es ist der (sowohl wissenschaftliche als auch menschenrechtlich fundierte) Grundgedanke der
Inklusion, Formen der Exklusion, der sozialen Ungleichheit und Ungerechtigkeit auf möglichst allen Ebenen entgegenzutreten und Diversität, als generierendes Prinzip von Evolution und Entwicklung, zu fördern. Aus diesem Grund kann Inklusion nicht nur auf einer bildungspolitischen Ebene gedacht werden, sondern muss darüber hinaus gesamtgesellschaftliche Veränderung anregen. Nur im Kontext eines gesellschaftlichen Wandels in Richtung einer Anerkennung von Differenz, Andersheit und Diversität kann auch beispielsweise das Schulsystem sich verändern.
Dafür braucht es immer ein gemeinsames Agieren aller gesellschaftlichen Akteurinnen und Akteure, um jegliche Formen der Benachteiligung, Diskriminierung und des sozialen Ausschlusses zu verhindern. Inklusion geht nur zusammen! Sie kann nur gemeinsam gelingen, innerhalb einer Pluralität von Perspektiven, in der gerade auch die Stimmen der von Exklusion Betroffenen Gehör finden. Es braucht also viele unterschiedliche Perspektiven und viele Disziplinen, um Inklusion nachhaltig zu gestalten.
Wissenschaftler welcher Disziplinen werden in der Ringvorlesung auftreten?
Die ersten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die an einer solchen gemeinsamen Erarbeitung von interdisziplinären Perspektiven zur Inklusion teilnehmen, kommen aus
der Theologie, Psychologie, Soziologie, Erziehungswissenschaft, Sozialpädagogik, Amerikanistik, Informatik, Architektur (Landschafts- und Gebäudearchitektur) und Geografie.
An wen richtet sich die Veranstaltungsreihe?
Die Ringvorlesung richtet sich an alle, die sich mit dem Thema Inklusion auseinandersetzen wollen. Wir freuen uns auf Studierende, die im Rahmen des Angebotes auch Leistungspunkte erwerben können, wie auf Kolleginnen und Kollegen – gern auch aus weiteren Disziplinen, mit denen wir noch nicht im engen Austausch sind – und alle Interessierten, die mit uns in den Dialog treten wollen.
Inklusion ist ein internationales Thema – Sie sprachen ja die von Deutschland 2009 ratifizierte Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen bereits an. Ermöglicht die Ringvorlesung den Blick über den deutschen »Tellerrand« hinaus?
Ja! Inklusion kann weder nationalstaatlich gedacht werden, noch findet Wissenschaft in diesen Grenzen statt. Mechanismen von Ausschluss, Selektion und Isolation finden überall statt und beziehen sich nicht nur auf Behinderung. Eine Frage, die Wissenschaft diesbezüglich umtreibt, ist, ob die Gründe für die Anwendung dieser Mechanismen gleich sind und ob diese Mechanismen ähnlich funktionieren und auch ähnlich wirken. So analysiert beispielsweise Christian Schwarke im Rahmen der Ringvorlesung, durch welche Exklusionsmarker die Konfessionsstreitigkeiten in Deutschland und in den USA im 19. Jahrhundert geprägt war. Nicht selten gilt für die Exklusionsmechanismen, dass diese sich nicht nur auf eine Differenzlinie, beispielsweise Behinderung, beziehen, sondern auf weitere und möglicherweise auch Dynamiken zwischen diesen bestehen, wie es der Ansatz der Intersektionalität verfolgt. Auf dessen Basis setzt sich Stefan Horlacher mit Romanen von Arundhati Roy auseinander und Gesine Wegner mit dem Fokus auf die Disability Studies in der US-amerikanischen Popkultur.
Ein Anspruch der Reihe ist, den Begriff »Inklusion« weiter zu bestimmen. Das klingt sehr
theoretisch. Ist die Praxis hier nicht schon in der Umsetzung von Inklusion einen Schritt weiter?
Die Umsetzung von Inklusion kann in allen Bereichen – der Umsetzung der UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung – als schwierig bestimmt werden. Dies liegt häufig an Rahmenbedingungen und Ressourcen, aber auch an Haltungen, Menschenbildern und dem fehlenden Verständnis – Was ist Inklusion? Vor allem im letztgenannten Punkt liegt eine deutliche Kompetenz der Wissenschaft. Die
Vorlesung zielt darauf ab, Inklusion aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten und zu definieren, die damit verbundenen Mechanismen des Ausschlusses aufzuzeigen und diese über die Disziplinen hinweg zu vergleichen. Über eine solche gemeinsame Erarbeitung von Begriffen und Konzepten des Themenfelds Inklusion kann nur eine fundierte Auseinandersetzung möglichst vieler wissenschaftlicher Disziplinen und im interdisziplinären Austausch geschehen.
In den Vorlesungen werden auch soziale Praktiken analysiert oder Herstellungsmechanismen von sozialen Praktiken bestimmt wie z.B. durch Karl Lenz, Georg Feuser, Matthias Naumann, Andreas Hanses und mir – hier besteht keine Dichotomie Praxis gegen Wissenschaft. Noch deutlicher wird die Verbindung zwischen Theorie und Praxis bei den Beiträgen von Sebastian Panasch, Gerhard Weber, Cornelia
Grohmann und Irene Lohaus. In diesen Beiträgen werden Möglichkeiten der Umsetzung immer mit der notwendigen kritischen Distanz von Wissenschaft beschrieben. Inklusion benötigt Theorie, sonst wird sie beliebig und sie braucht ein kritisches reflexives Verhältnis, das kann und muss Wissenschaft leisten.
Zugleich gilt die UN-Konvention für die Rechte von Menschen mit Behinderung auch für Hochschulen – Wissenschaft ist ein Lebensbereich, der inklusive Kulturen in Organisation,
Lehre und Forschung schaffen muss. Zu den Möglichkeiten und Grenzen der Entwicklung von inklusiven Kulturen in einer partizipativen Forschung wird Alexander Lasch einen Beitrag in der Ringvorlesung leisten.
Die Fragen stellte Karsten Eckold.