IN:TACT – Inklusive Kommunikation im Unterricht
IN:TACT – Inclusive Technologies and Adaptive Communication in Teaching
Digitale Technologien für inklusive Kommunikation und Teilhabe im Unterricht
Wie können Lehrkräfte die individuellen Bedürfnisse aller Schüler:innen wahrnehmen, ohne dabei den Unterrichtsfluss zu unterbrechen? Und wie können sich Lernende am Unterricht beteiligen, wenn ihnen die verbale Kommunikation oder das klassische Melden schwerfällt?
Diese Fragen stehen im Mittelpunkt des Forschungs- und Entwicklungsprojekts IN:TACT (Inclusive Technologies and Adaptive Communication in Teaching). Ziel ist die Entwicklung und Erforschung eines interaktiven Kommunikationssystems, das Schüler:innen alternative, insbesondere nonverbale Möglichkeiten, zur Beteiligung am Unterricht eröffnet.
Gerade in inklusiven Lerngruppen können unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse und individuelle Belastungen eine Herausforderung darstellen. Während manche Schüler:innen Schwierigkeiten haben, sich mündlich zu äußern oder durch Handzeichen auf sich aufmerksam zu machen, benötigen andere eine niedrigschwellige Möglichkeit, Überforderung, Unterstützungsbedarf oder ihren aktuellen Arbeitsstand mitzuteilen.
IN:TACT setzt hier an: Über interaktive Kommunikationsgeräte können Lernende individuelle Rückmeldungen geben, die Lehrkräften digital in Echtzeit zur Verfügung gestellt werden. Damit sollen Kommunikationsbarrieren reduziert, die Selbstbestimmung der Lernenden gestärkt und Lehrkräfte bei einer bedarfsgerechten Unterrichtsgestaltung unterstützt werden.
IN:TACT im Unterricht – ein Anwendungsszenario
Ein:e Lehrer:in stellt ihrer Klasse im Geografieunterricht eine Aufgabe. Über ihre digitale Lehrendenanwendung übermittelt sie die Aufgabenstellung an die Kommunikationsgeräte der Schüler:innen. Auf den Displays erscheinen neben der Aufgabe vier Antwortmöglichkeiten: „Fertig“, „Ich habe eine Frage“, „Ich brauche mehr Zeit“ und „Es ist zu laut“.
Während die Klasse arbeitet, bemerkt ein:e Schüler:in, dass er mehr Zeit benötigt. Statt seine Arbeit zu unterbrechen und sich mündlich zu melden, drückt er die entsprechende Taste auf seinem Gerät. Die Lehrerin erhält die Rückmeldung unmittelbar auf ihrem Tablet und kann darauf reagieren.
Eine andere:r Schüler:in hat ihre Aufgabe bereits abgeschlossen. Sie signalisiert dies ebenfalls per Tastendruck und erhält anschließend eine zusätzliche Aufgabe.
Zum Abschluss möchte die Lehrerkraft herausfinden, welche Aufgaben besonders schwierig waren. Sie startet eine kurze Umfrage, an der alle Schüler:innen über ihre Geräte teilnehmen können. Die Ergebnisse werden in Echtzeit zusammengefasst und können gemeinsam besprochen werden.
Das Szenario verdeutlicht, wie IN:TACT eine kontinuierliche Kommunikation zwischen Lehrkräften und Lernenden ermöglichen kann, ohne dass jede Rückmeldung eine unmittelbare verbale Interaktion erfordert. Gleichzeitig erhalten Schüler:innen zusätzliche Möglichkeiten, sich am Unterricht zu beteiligen.
Technischer Aufbau – die drei Komponenten von IN:TACT
Das Kommunikationssystem besteht aus drei miteinander verbundenen Komponenten, die gemeinsam eine flexible, barrierearme Kommunikation im Unterricht ermöglichen.
1. Lernenden-Gerät – Kommunikation durch einfache Interaktion
Physische Tasten, E-Paper-Display und Vorlesefunktion ermöglichen eine niedrigschwellige Interaktion mit dem System. Das eigens entwickelte Kommunikationsgerät bildet die Schnittstelle für Schüler:innen. Über vier physische Tasten können sie Rückmeldungen geben, Fragen stellen oder auf individuelle Bedürfnisse aufmerksam machen. Ein E-Paper-Display zeigt Aufgabenstellungen und die jeweils zugeordneten Tastenfunktionen an. Ergänzende Funktionen wie eine Textvorlesefunktion und visuelle Rückmeldungen eröffnen zusätzliche Zugangswege. Die Bedeutung der Tasten kann von Lehrkräften an die jeweilige Unterrichtssituation angepasst werden. Dadurch lässt sich das Gerät sowohl für individuelle Rückmeldungen als auch für Aufgaben und Umfragen einsetzen.
2. Server – die zentrale Kommunikationsschnittstelle
Der Server verbindet die Geräte der Lernenden mit den Anwendungen der Lehrkräfte und koordiniert den Austausch von Informationen. Die entwickelte Serveranwendung übermittelt beispielsweise Aufgaben und Umfragen an ausgewählte Geräte und leitet die Rückmeldungen der Schüler:innen an die Lehrendenanwendungen weiter. Darüber hinaus verwaltet er die Zuordnung der angemeldeten Geräte und ermöglicht die gleichzeitige Verwendung unterschiedlicher Endgeräte. Die zentrale Kommunikationsarchitektur bildet damit die technische Grundlage für einen flexiblen Einsatz des Systems.
3. Lehrenden-Anwendung – Rückmeldungen erfassen und Unterricht gestalten
Die Lehrendenanwendung ermöglicht es, die Kommunikation mit den Schüler:innen zu organisieren und auf deren Rückmeldungen zu reagieren. Lehrkräfte können Aufgaben und Umfragen erstellen, an einzelne Lernende oder die gesamte Klasse versenden und eingehende Antworten in Echtzeit einsehen. Umfrageergebnisse können grafisch aufbereitet und für die weitere Unterrichtsgestaltung genutzt werden. Die Anwendung ist dabei nicht auf einen bestimmten Gerätetyp beschränkt. Neben der Nutzung auf Laptops, Tablets und Smartphones werden auch weitere Interaktionsmöglichkeiten, beispielsweise über Smartwatches oder AR-Brillen, als mögliche Erweiterungen betrachtet. Damit könnten Lehrkräfte künftig wichtige Rückmeldungen auch während ihrer Bewegung im Klassenraum wahrnehmen.
Forschung und Weiterentwicklung
IN:TACT baut auf Entwicklungen im Rahmen des Projekts „Lehr-Lern-Raum Inklusion“ auf, die seit 2023 in Kooperation mit der Professur für Mensch-Computer-Interaktion der TU Dresden entstanden sind. Die bisherigen Prototypen werden technisch und didaktisch weiterentwickelt und wissenschaftlich untersucht. Von besonderem Interesse sind dabei die Gebrauchstauglichkeit der verschiedenen Komponenten, ihre Potenziale für die Förderung inklusiver Unterrichtsprozesse sowie die Möglichkeiten, unterschiedliche Kommunikationsbedürfnisse zu berücksichtigen. Neben der schulischen Anwendung wird perspektivisch auch untersucht, inwieweit sich das System auf die Hochschullehre übertragen lässt. Hier könnten alternative Kommunikationswege ebenfalls dazu beitragen, die Beteiligung von Studierenden zu erleichtern und inklusionssensible Lehr-Lern-Umgebungen zu gestalten. Langfristig soll IN:TACT dazu beitragen, digitale Technologien nicht nur als Werkzeuge zur Wissensvermittlung, sondern auch als Mittel zur Förderung von Kommunikation, Selbstbestimmung und gleichberechtigter Teilhabe zu erschließen.