27.08.2026
Hochschulumbau Ost: Transformation von Wissen und Wissenschaft an der TUD
Aron Schulze ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte. In seinem Promotionsprojekt forscht er zur Transformation ostdeutscher Universitäten in den 1990er-Jahren am Beispiel der TU Dresden. Damit ist er assoziierter Doktorand im Forschungsprojekt „Die TH Dresden im Nationalsozialismus. Transformation von Wissen und Wissenschaft im 20. Jahrhundert“ sowie Teil des Projektteams von „Erzähl(t)e Transformation“. Aron Schulze studierte von 2017 bis 2023 Geschichte, Germanistik und Bildungswissenschaften an der Universität Leipzig und absolvierte dort das Erste Staatsexamen für Lehramt an Gymnasien.
Ihr Promotionsprojekt trägt den Titel "Sonderstatus in der Transformation? Die TU Dresden im 'Hochschulumbau Ost' nach 1989/90" – woran lässt sich denn ein Sonderstatus der TU Dresden festmachen?
Zunächst ergab sich eine gewisse Sonderstellung durch die Typologie der Hochschule: Als Technische Universität lagen Schwerpunkte der Dresdner Forschung und Lehre in Fächern wie Maschinenbau, Elektrotechnik oder Informatik. Die MINT-Fächer hatten grundsätzlich andere Voraussetzungen in der Transformation des ostdeutschen Hochschulwesens als die Geistes- und Sozialwissenschaften, da sie seinerzeit als weniger politisch korrumpiert galten. Allerdings war zumindest die Anzahl der SED-Mitglieder unter Professor:innen und Dozent:innen ähnlich hoch, wie neuere Forschungen zeigen. Trotzdem unterschied sich die TU Dresden durch ihr Profil wesentlich von den DDR-Universitäten in Berlin, Jena oder Leipzig, die über große geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Fachbereiche verfügten und somit stärker von Phänomenen wie „Abwicklung“ oder „Elitentransfer“ betroffen waren.
In Dresden fand dagegen nach 1990 eine stärkere Ost-West-Durchmischung des Personals statt. Personaltransfer aus dem Westen gab es in Dresden aber auch – vor allem in den neugegründeten Juristischen, Wirtschaftswissenschaftlichen und Philosophischen Fakultäten. Und hier liegt ein weiterer Sonderstatus der TU: Während andere Hochschulen abbauen mussten, wurde Dresden zur Volluniversität ausgebaut. Dabei könnten Faktoren wie der Landeshauptstadt-Status und die Nähe zum Ministerium eine Rolle gespielt haben, was insbesondere von der Konkurrenz in Leipzig kritisch gesehen wurde. Dies belegen unter anderem Quellen aus dem Sächsischen Hauptstaatsarchiv. Gleichzeitig reflektiere ich die Sonderstatus-These kritisch, da auch andere Standorte eine lokale Spezifik des Hochschulumbaus für sich in Anspruch nehmen (z. B. Jena).
Neben Untersuchungen von Quellen aus verschiedenen Archiven führen Sie für Ihr Promotionsprojekt leitfadengestützte Experteninterviews durch. Im Projekt „Erzähl(t)e Transformation“ wiederum werden ab September sogenannte Erzählcafés mit Personen veranstaltet, die den Hochschulumbau in Dresden miterlebt haben. In beiden Fällen – Interviews und Erzählcafés – berichten Zeitzeug:innen. Was würden Sie sagen, inwieweit sich diese beiden Herangehensweisen unterscheiden? Welche Erwartungen haben Sie an die Erzählcafés?
In den Experteninterviews befrage ich Personen, die zur Wendezeit eine bestimmte Funktion ausgeübt haben, nach ihrer konkreten Tätigkeit in dieser Position. Dabei stelle ich spezifische Fragen zu Entscheidungsprozessen oder Ereignissen, um meine Quellenrecherchen um das Wissen von involvierten Personen zu ergänzen. Hintergrund dieses Ansatzes ist auch, dass manche Details in den Protokollen und Korrespondenzen im Archiv nicht auftauchen, jedoch in den Erinnerungen der Expert:innen noch sehr präsent sein können und somit Lücken schließen. Gleichwohl muss ich die Aussagen aus den Experteninterviews mit den Inhalten aus den Akten abgleichen und gegebenenfalls kontrastieren, um mich nicht nur auf persönliche Erinnerungen zu stützen, die subjektiv und mitunter auch selektiv sind.
Die Erzählcafés sind anders konzipiert und daher eine spannende Ergänzung für mich: Im Mittelpunkt stehen vor allem persönliche Geschichten, Erlebnisse und Erfahrungen, die zwar einen Bezug zur institutionellen Entwicklung der TU haben, jedoch stärker die individuelle Perspektive der Personen ins Licht rücken. Die Teilnehmenden der Erzählcafés waren vielleicht nicht unmittelbar an Entscheidungsprozessen beteiligt, jedoch häufig direkt davon betroffen. Diese erfahrungsgeschichtliche Ebene ist zwar nicht der Fokus meines Projektes, gleichwohl verspreche ich mir davon neue Einsichten in den universitären Alltag der Wendezeit und die Folgen des von mir beforschten Transformationsprozesses auf persönlicher Ebene.
Sie haben bereits angedeutet, dass Geistes- und Sozialwissenschaften anders vom Umbau betroffen waren als die MINT-Fächer. Für die Erzählcafés werden auch deswegen Zeitzeug:innen aus unterschiedlichen Fachbereichen gesucht, darüber hinaus sollen die unterschiedlichen Statusgruppen berücksichtigt werden. Der Aufruf „Erzähle Transformation!“ richtet sich sowohl an ehemalige Studierende als auch an Beschäftigte aus Verwaltung, Leitung, Forschung, Lehre oder aus dem heutigen Studentenwerk. Mit Blick auf die bisherige Recherche für Ihr Promotionsprojekt: Haben Sie bereits eine Vorstellung davon, inwieweit sich die Erfahrungsräume dieser Gruppen unterscheiden oder auch gleichen könnten?
Die generationelle Kohorte ist ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal bei der Wahrnehmung des ostdeutschen Transformationsprozesses, nicht nur an den Universitäten, sondern auch gesamtgesellschaftlich. Auf die Universität übertragen hatte die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Statusgruppe also wesentlichen Einfluss darauf, wie man den Umbruchsprozess erlebt hat. Aufgrund einer Generationsblockade im Hochschulsystem der späten DDR dürfte die Wende für viele Studierende und junge Forschende gerade in der Anfangszeit ein Gefühl des Aufbruchs und der Euphorie erzeugt haben. Im Gegensatz dazu waren die Erfahrungen der Beschäftigten im Alter zwischen 49 und 59 im Zuge des rapiden Stellenabbaus ungleich negativer und mitunter dramatisch, da sie nicht nur eine Entwertung ihrer Lebensleistung erfuhren, sondern oft auch vor beruflichen und finanziellen Unsicherheiten standen.
Diese Schere sollten wir bei den Erzählcafés berücksichtigen. Insofern ist es gut und richtig, dass möglichst viele verschiedene Perspektiven zu Wort kommen – das sehe ich übrigens auch in Bezug auf westdeutsche Perspektiven so. Auch Westdeutsche verfügen über eine Erfahrungsgeschichte des „Hochschulumbaus Ost“ – und das nicht nur, wie oft behauptet, als „Kolonisatoren“ oder „Karrieristen“, sondern auch als unsichere Neuankömmlinge und interessierte Lernende. Insofern sind die Erfahrungsräume von Ost und West vielleicht gar nicht so unterschiedlich, wie man zunächst annehmen würde.
Danke für diesen Einblick in Ihr Forschungsthema!
Wer Interesse hat, Teil des Forschungsprojekts „Erzähl(t)e Transformation“ zu werden und die Transformationsgeschichte der TU Dresden aus der eigenen Perspektive zu erzählen, kann sich via Mail oder telefonisch anmelden: , +49-351-463-36270. Constanze Wirsing ist die zentrale Ansprechperson für die Erzählcafés.
"Erzähl(t)e Transformation" ist ein Kooperationsprojekt des Potenzialbereichs Gesellschaftlicher Wandel, der Professur für Neuere und Neueste Geschichte, der Professur für Soziologische Theorien und Kultursoziologie, der Kustodie, des Universitätsarchivs, des Hannah-Arendt-Instituts für Totalistarismusforschung und des Instituts für Sächsische Geschichte und Volkskunde.