„Die Lausitz ist komplizierter, als wir glauben“ Identitätskonstruktionen vor und im Strukturwandel
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Expose
Im Zuge sich multiplizierender Krisendiagnosen wird zunehmend die Herausforderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts betont. Regionaler Identität wird dabei eine zentrale Rolle zugeschrieben – sowohl als stabilisierender Faktor als auch als mögliche Verankerung von Transformationsprozessen, die – so ließe sich zumindest annehmen – nur dann erfolgreich sein können, wenn eine Vermittlung zu den von ihnen betroffenen Bürgerinnen und Bürgern gelingt. Dies gilt insbesondere für die Lausitz. Sie ist nicht nur aufgrund ihrer unterschiedlichen historischen Entwicklungen und regionalen Prägungen von Reibungspunkten gezeichnet, sondern wird durch den Strukturwandel gegenwärtig neu definiert und muss sich in diesem Prozess zugleich selbst neu definieren.
Dabei sind solche Definitionen stets nur Selbstverständigungsprozesse. In den Sozial- und Geisteswissenschaften wird Identität als soziale Konstruktion verstanden, als kultureller und relationaler Abgrenzungsbegriff, dessen Herausbildung von sozialen, politischen und kulturellen Bedeutungszuschreibungen abhängt. Gleichzeitig entfalten solche Vorstellungen eine erhebliche Prägekraft: Sie können einerseits positive Faktoren darstellen, etwa als Motivation für Personen oder als Grundlage gemeinschaftlicher Orientierung. Andererseits können sie negative Effekte hervorrufen, etwa durch Abgrenzung und Konflikte über Gruppenzugehörigkeiten. Jegliche Identität, ob es eine individuelle oder eine kollektive ist, bedarf der ständigen (Re-)Konstruktion durch die Beteiligten.
Dies zeigt sich besonders deutlich in der Lausitz. Bereits etymologisch verweist der Name „Łužyca“ („Sumpfland“) eher auf den Spreewald als auf das Lausitzer Bergland und verdeutlicht damit, dass die Lausitz historisch weniger als klar abgegrenzter Raum, sondern vielmehr als wandelnde politisch geografische Zuschreibung zu verstehen ist. Die Region ist zudem eng mit dem sorbischen Siedlungsgebiet verbunden, das bis heute eine entscheidende kulturelle Dimension darstellt. Gegenwärtig wird die Lausitz durch unterschiedliche territoriale und politische Zuordnungen geprägt. Sie erstreckt sich über mehrere Bundesländer, umfasst Niederlausitz und Oberlausitz und liegt zugleich im Dreiländereck von Deutschland, Polen und Tschechien. Mit dem Strukturwandel und der Ausrufung der Lausitz als wirtschaftliche Transformationsregion wird die Region erneut neu gefasst und teilweise sogar als europäische Modellregion beschrieben. Auch institutionell zeigt sich diese dynamische Identitätskonstruktion. Die Technische Universität Dresden bündelt ihre ostsächsischen Aktivitäten unter der Marke „TUD | Campus Lausitz“, während sich wissenschaftliche Einrichtungen der Region im Netzwerk Hi!Lusatia zusammengeschlossen haben. Diese Entwicklungen verdeutlichen die Vielfalt der Lausitz sowie die fortlaufenden Wandlungsprozesse und den anhaltenden Rekonstruktionscharakter regionaler Identität, die von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren geprägt ist, darunter Landschaft und Natur, Geschichte und Sprache ebenso wie wirtschaftliche Entwicklungen und politische Transformationsprozesse.
Im Zuge der eingangs genannten Frage nach gesellschaftlichem Zusammenhalt und den Herausforderungen des Strukturwandels stellt sich zugleich die Frage, wie die Zukunft der Lausitz gestaltet werden kann. Es geht um die Notwendigkeiten und Spannungsverhältnisse zwischen Visionen für die Region und den dort lebenden Menschen sowie die daraus entstehenden Konflikte und Reibungspunkte. Der Workshop verfolgt daher nicht das Ziel, nach der einen Lausitz zu fragen, sondern unterschiedliche Dimensionen sichtbar zu machen und insbesondere zu untersuchen, welche Rolle regionale Identität für die kommenden Transformationsprozesse spielt und spielen kann.
Zeit und Ort
Ort: Krabatmühle Schwarzkollm
Datum: 03.11.26
Uhrzeit: 10:00 – 18:00 Uhr