Zur Geschichte der Romanistik an der TU Dresden

Die Wurzeln der Dresdner Romanistik

In Dresden nimmt die akademische Vermittlung romanischer Sprachen ihren Anfang im 19. Jahrhundert: 1831 wird an der damaligen Technischen Bildungsanstalt der obligatorische Französischunterricht eingeführt. In Folge der forcierten Industrialisierung Sachsens tritt die Ausbildung von spezialisierten Ingenieuren für den sächsischen Arbeitsmarkt in den Vordergrund, weshalb 1851 die Polytechnische Schule gegründet wird. Die Vertrautheit mit der englischen und der französischen Sprache ist Voraussetzung für die Aufnahme eines Studiums in den Technik- und Naturwissenschaften und bleibt ein wichtiger Inhalt der Lehre.

Ab 1884 wird das Lehrangebot in den romanischen Sprachen durch Italienisch erweitert, 1893 folgt die spanische Sprache. Mit der Berufung Wilhelm Schefflers zum außerordentlichen Professor für Französische und Englische Technische Sprache, Parlamentsstenographie sowie fremdsprachliche, insbesondere französische, englische und norwegische Stenographie wird in der Folge die enge Verknüpfung der naturwissenschaftlich-technischen mit der fachsprachlichen Ausbildung gepflegt. Dies zeigt sich etwa am Titel von Schefflers Vorlesungsreihe „Die technische Sprache (französisch und englisch)“. In weiteren Veranstaltungen und Vorlesungsreihen verbindet Scheffler die technischen Wissenschaften explizit mit Betrachtungen zu Literatur und Kunst.

1890 wird die Polytechnische Schule schließlich zur Technischen Hochschule. Bis zum Ersten Weltkrieg steht im Bereich der romanischen Sprachen nun der Unterricht der französischen Sprache im Vordergrund.

Der Lehrstuhl für Romanische Sprachen

Die Geschichte der Romanistik in Dresden im engeren Sinne beginnt erst 1914, als der erste Lehrstuhl für Romanische Sprachen an der Technischen Hochschule begründet und Hans Heiss berufen wird. In seiner Amtszeit stellt der Lehrstuhl für Romanische Sprachen auch wesentliche Teile des Lehrangebots des 1918 gegründeten Auslandsseminars der TH Dresden, das als interdisziplinäre Ausbildungsform den Studierenden einen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse des Auslands und die kulturellen Konventionen seiner Bewohner verschaffen soll.

Eine weitere Stärkung der Dresdner Romanistik findet 1920 durch die Berufung von Victor Klemperer zum Ordentlichen Professor für Romanische Sprachen sowie zum Ko-Direktor des Auslandsseminars der TH Dresden statt. Klemperer verlagert nun den Schwerpunkt der Lehre von der fachsprachlichen Ausbildung auf die Vermittlung literaturwissenschaftlicher Kenntnisse. In seiner Lehre thematisiert er vor allen Dingen Epochen und Autorinnen und Autoren der französischen Literaturgeschichte, hält allerdings auch selbst Übungen in französischer, italienischer und spanischer Sprache ab. Im Bereich der Forschung setzt er sich für eine Erneuerung der Philologien ein, indem er sich von der zeitüblichen positivistischen Literaturgeschichte löst und für die Öffnung der Philologie gegenüber der Philosophie und verwandten Wissensbereichen plädiert. Klemperers Ansatz konzentriert sich auf eine literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der interdisziplinären Ideengeschichte, die nach dem Zusammenspiel von Ideellem und Gesellschaftlichem fragt. Sein Ziel war stets, den kulturellen Austausch zwischen sprachlich oder national differenzierten Gruppen deutlich zu machen. Victor Klemperer veröffentlichte während seiner Zeit an der Technischen Hochschule Dresden einen Großteil seiner romanistischen Publikationen; selbst die Rassengesetze des Nationalsozialismus und die schrittweise verschärften Repressionen konnten ihn in seinem wissenschaftlichen Wirken nicht gänzlich aufhalten.

Die Dresdner Romanistik im Nationalsozialismus

Während der NS-Herrschaft hat Klemperer kaum noch studentische Zuhörer und wird Ende April 1935 aufgrund seiner jüdischen Abstammung zwangsemeritiert. Trotz der alltäglichen Ausgrenzung und Bedrohung emigriert Klemperer nicht, sondern versucht anfangs, seine Forschungstätigkeit auszubauen, bis das Benutzungsverbot von Bibliotheken dies 1938 endgültig unmöglich macht. 1943 wird er schließlich zu Zwangsarbeit verurteilt, die er zunächst in einer Teefabrik, später in einer Papierfabrik ableisten muss. Bis Kriegsende wird das Ehepaar Klemperer in Dresdner „Judenhäusern“ untergebracht, zuletzt in der Zeughausstraße und kann zum Kriegsende nach Bayern fliehen.

An der Technischen Hochschule wird der Unterricht in der Romanistik in Gestalt von Sprachübungen zwar noch bis zum Wintersemester 1936/37 fortgeführt, doch ist das Fach schon vor 1933 geschwächt und wird lediglich als ergänzender Studieninhalt für Ingenieure angeboten. 1936 wird das Romanische Seminar schließlich in das Historische Seminar eingegliedert und die fremdsprachliche Ausbildung im fachsprachlichen Zusammenhang aufgegeben. 1941 nimmt man die italienischen und spanischen Sprachübungen wieder auf, ab 1944 schließlich auch die französische Sprachpraxis.

Lehre romanischer Sprachen nach dem Zweiten Weltkrieg

Victor Klemperer kehrt im Juni 1945 nach Dresden zurück, wird im November desselben Jahres an die Technische Hochschule Dresden zurückberufen und tritt zeitgleich der KPD bei. Bis 1948 hat er den Lehrstuhl für Romanische Philologie in Dresden inne, ist aber seit 1945 auch in der Hochschulpolitik der Sowjetischen Besatzungszone tätig. Ab 1947 wird Klemperer sukzessive an die Universitäten von Greifswald, Halle und (Ost)Berlin berufen, übernimmt in den Jahren 1952 und 1954-56 jedoch Gastprofessuren in Dresden.

Trotz der Wiedereinsetzung Klemperers erlangt die Romanistik nach der Wiedereröffnung der Technischen Hochschule Dresden im Jahr 1946 nicht ihre frühere Stärke zurück, die Vermittlung romanischer Sprachen und Literaturen tritt in den Hintergrund: Das Hauptaugenmerk liegt ab 1952 auf der Ausbildung im Russischen und Englischen. Erst ab 1953 wird das Erlernen einer zweiten Sprache während des Fachstudiums zur Pflicht, wobei es sich in der Regel um die englische Sprache handelt. 1954 wird die Ausbildung in Fremdsprachen in der Abteilung Sprachunterricht zusammengefasst. Das Angebot erweitert man durch Französisch und 1962 durch Spanisch. Lehrveranstaltungen zur italienischen Sprache finden nur gelegentlich statt.

1961 erhält die Technische Hochschule ihren heutigen Namen. Mit der Namensänderung zur Technischen Universität gehen auch strukturelle Veränderungen der Abteilung Sprachunterricht einher, aus der schließlich 1981 die Sektion Angewandte Sprachwissenschaft hervorgeht. Hier wird nun außer den drei bereits angebotenen romanischen Sprachen auch Portugiesisch unterrichtet. Insgesamt lässt sich jedoch festhalten, dass die Technische Universität bis zur Wende keine komplette Romanistik vorzuweisen hat, sondern sich auf die Vermittlung von sprachlichen Kenntnissen besonders im fachsprachlichen Bereich sowie zeitweise auf die sprachwissenschaftliche Erforschung des Spanischen, Portugiesischen und Französischen beschränkt.

Romanistik nach der Wiedervereinigung

Mit dem Fall der Mauer 1989 setzt eine große Nachfrage nach Lehrangeboten in Französisch, Spanisch, Portugiesisch und Italienisch ein. So besuchen etwa im Wintersemester 1991/1992 ca. 1.000 Studierende die Französischkurse an der TU Dresden, die Teilnehmerzahl in den Spanischkursen steigt gegenüber der Vorwendezeit um das Fünffache auf über 270 Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Als Folge dieser Entwicklung wird, um die Fremdsprachenausbildung für Hörer aller Fakultäten auf unterschiedlichen Niveaustufen generell abzusichern, an der TU Dresden ein Fachsprachenzentrum gegründet.

Mit dem Ausbau der TU Dresden zur Volluniversität werden erstmals Magister- und Lehramtsstudiengänge in den philologischen Disziplinen eingerichtet. Diese finden sich in der 1993 aus der Taufe gehobenen Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften zusammengefasst. Das Institut für Romanistik wird am 11. Mai 1994 gegründet und ergänzt die Auffächerung der Dresdner Philologien in die Institute für Anglistik und Amerikanistik, Germanistik, Klassische Philologie und Slavistik. Das Institut für Romanistik zeichnet für die französischen, spanischen und italienischen Sprachräume innerhalb und außerhalb Europas verantwortlich und folgt mit den Denominationen seiner Professuren der innovativen Politik der Fakultätsgründung: Erstmals werden neben klassischen Professuren für Literatur- sowie für Sprachwissenschaft auch kulturwissenschaftlich ausgerichtete Professuren je Sprachraum besetzt. Eine Dozentur für die Didaktik der romanischen Sprachen, die schließlich in eine Juniorprofessur überführt wird, erhöht die Zahl der Professuren am Institut auf acht. Die Sprachausbildung im Institut für Romanistik wird für das Französische, Spanische und Italienische von Lektorinnen und Lektoren durchgeführt.

Im Kontext der Konsolidierung der romanistischen Studiengänge werden in den folgenden Jahren Lehr-, Forschungs- und Kulturzentren gegründet, die das Angebot der Dresdner Romanistik erweitern und in die universitäre wie in die Stadt-Öffentlichkeit tragen. Den Anfang macht 1994 das CIFRAQS – Centrum für interdisziplinäre franko-kanadische und franko-amerikanische Forschungen / Québec-Sachsen, gefolgt vom Lateinamerikazentrum, aus dem das heutige Studienangebot für Nicht-Romanisten ReLa – Regionalwissenschaften Lateinamerika mit den kulturellen, sprachlichen und ökonomischen Zielregionen Brasilien und Hispanoamerika hervorgehen wird. Komplettiert werden diese Romanistik-Initiativen durch das Italien-Zentrum, das den kulturellen, im besonderen den akademischen Austausch zwischen Italien und Sachsen als interdisziplinäres Kompetenzzentrum der TU koordiniert.

Das Institut für Romanistik an der TU Dresden heute

Die seit 2012 gemäß der Vorgaben des SMWK und auf Beschluss des Fakultätsrats eingeleitete Umstrukturierung des Instituts bedingt mit der Einstellung des Faches Spanisch einen umfassenden Rückbau des Lehrangebots. Der Neuzuschnitt reduziert die Zahl der Professuren auf nunmehr fünf: zwei sprachwissenschaftliche sowie zwei 2014 neu besetzte literatur- und kulturwissenschaftliche Professuren, die zusammen mit der Juniorprofessur für Didaktik der romanischen Sprachen insbesondere Französistik und Italianistik in fachwissenschaftlichen und lehramtsbezogenen Studiengängen lehren – im Augenblick noch ergänzt durch die Vertretungsprofessur für Romanistische Literaturwissenschaft (Spanien/Lateinamerika). Zum grundständigen französistischen und italianistischen Studienprogramm auf Bachelor- und Master-Ebene sowie im Rahmen der Staatsexamensstudiengänge Italienisch und Französisch fügen sich der interdisziplinäre Master-Studiengang Europäische Sprachen (EuroS) sowie das Bilaterale Masterprogramm der TU Dresden und der Università degli Studi di Trento. Hispanistik/Spanisch ist weiterhin studierbar als Modul im BA Romanistik, im Master EuroS sowie innerhalb des Studienangebots ReLa-Regionalwissenschaften Lateinamerika für Nichtromanisten. Das Institut für Romanistik öffnet sein Studienangebot zudem im Ergänzungsbereich sowie in AQua für Studierende der Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften bzw. des Bereichs Geistes- und Sozialwissenschaften.

Die Forschung am Institut für Romanistik ist breit gefächert und erstreckt sich über literatur-, kultur- und sprachwissenschaftliche sowie didaktische Fragestellungen. Der historische Zugriff reicht von der Frühen Neuzeit bis in die unmittelbare Gegenwart. Die Einrichtungen des Instituts für Romanistik bestehen fort: ReLa bietet Lateinamerikastudien innerhalb der TU an, das Italien-Zentrum koordiniert Veranstaltungen zum italienischen Kulturraum, das CIFRAQS soll in naher Zukunft in ein Zentrum Frankreich | Frankophonie umgewandelt werden.

Auf der Ebene der von der TU Dresden mit Nachdruck betriebenen Internationalisierung kann das Institut für Romanistik über die bestehenden persönlichen und institutionellen Kontakte hinaus, die regelmäßig Kolleginnen und Kollegen sowie Autorinnen und Autoren, Filmemacherinnen und Filmemacher oder Journalistinnen und Journalisten aus anderen Ländern mit Vorträgen nach Dresden führen, mit einer Reihe von Initiativen aufwarten. Zusätzlich zu den Tätigkeiten der am Institut angesiedelten Lehr-, Forschungs- und Kulturzentren bzw. -angebote unterhält die Dresdner Romanistik neben den Hochschulpartnerschaften der TU Dresden 28 Erasmus-Partnerschaften in die romanischsprachige Welt, die Studierenden und Dozentinnen und Dozenten Erasmus-Aufenthalte ermöglichen. Am Institut für Romanistik wird zudem die Strategische Partnerschaft der TU Dresden mit der Università degli Studi di Trento koordiniert.

Das Institut für Romanistik fördert kulturellen Austausch, heißt internationale Studierende, Kolleginnen und Kollegen willkommen und vermittelt Weltoffenheit sowie Toleranz.

Quellen

  • Gärtner, Eberhard: „Zur Geschichte der Romanistik an der Technischen Universität Dresden und ihren Vorgängereinrichtungen“, in : Wissenschaftliche Zeitschrift der Technischen Universität Dresden 42.4 (1993), S. 82-88.
  • Hausmann, Frank-Rutger: „Vom Strudel der Ereignisse verschlungen“. Deutsche Romanistik im „Dritten Reich“. Frankfurt am Main 2000, S. 128-132, S. 269-286.
  • Lieber, Maria: „Victor Klemperer an der Technischen Hochschule Dresden in den Jahren 1920-1935“, in: Rohbeck, Johannes; Wöhler, Hans-Ulrich (Hgg.): Auf dem Weg zur Universität. Kulturwissenschaften in Dresden 1871-1945. Dresden 2001, S. 250-263.
  • Rohbeck, Johannes: „Victor Klemperers Konzeption der Kulturwissenschaft und die Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert“, in: Rohbeck, Johannes; Wöhler, Hans-Ulrich (Hgg.): Auf dem Weg zur Universität. Kulturwissenschaften in Dresden 1871-1945. Dresden 2001, S. 264-274.
  • Sauer, Hans: „Anglistik und Anglisten an der Technischen Hochschule Dresden (mit Ausflügen in die Romanistik und Germanistik)“, in: Rohbeck, Johannes; Wöhler, Hans-Ulrich (Hgg.): Auf dem Weg zur Universität. Kulturwissenschaften in Dresden 1871-1945. Dresden 2001, S. 275-289.

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Letzte Änderung: 20.09.2016