13.01.2026
Lehrpreis für Service Learning: Demokratie als Managementfrage
Von links nach rechts: Nina Frances Gbur (NDC), Markus Scholz (TU Dresden), Benedikt D. S. Kapteina (TU Dresden), Undine Krätzig (GFF), Thorsten Claus (TU Dresden) und Sylke Fritzsche (NDC).
Während Unternehmen zunehmend als gesellschaftliche und politische Akteure adressiert werden, fehlen häufig tragfähige Konzepte und organisationale Leitplanken, um diese Rolle demokratisch verantwortungsvoll auszufüllen. Genau an diesem Spannungsfeld setzt das Modul „Praxis-Anwendungen CSR“ der Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Responsible Management, an der Technischen Universität Dresden an. Für dieses Lehrformat wurde die Professur am 8. Januar 2026 mit dem Lehrpreis der Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden e. V. (GFF) für das Studienjahr 2024/2025 ausgezeichnet.
Das Modul wurde von Prof. Dr. Markus Scholz und Dr. Benedikt D. S. Kapteina am Internationalen Hochschulinstitut Zittau (IHI) durchgeführt. Die Auszeichnung erfolgte auf Vorschlag von Studierenden und würdigt neben dem Format ausdrücklich auch das besondere Engagement und die innovative didaktische Konzeption.
Als die Studierenden im Sommersemester 2025 erstmals mit den Trainer:innen des Netzwerks für Demokratie und Courage (NDC) Sachsen in den Austausch traten, wurde schnell deutlich, dass es in diesem Modul nicht um ein klassisches Beratungsprojekt ging. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie unternehmerische Verantwortung in politisch aufgeladenen und gesellschaftlich polarisierten Kontexten überhaupt gedacht und praktiziert werden kann.
Forschung als programmatischer Rahmen: Corporate Democratic Responsibility
Das Lehrprojekt ist Teil der Corporate Democratic Responsibility (CDR)-Forschungsagenda der Professur und der Profilbildung der Technischen Universität Dresden im Feld verantwortungsvoller Unternehmensführung und gesellschaftlicher Transformation. Diese Agenda untersucht, wie Unternehmen in Zeiten demokratischer Erosion und gesellschaftlicher Polarisierung Verantwortung übernehmen können und wo die normativen, politischen und machtbezogenen Grenzen solcher Verantwortung liegen. Im Kern versteht sie Unternehmen als demokratisch relevante Organisationen und Corporate Responsibility als Frage von Legitimität, Macht und demokratischer Verantwortungsfähigkeit.
Corporate Democratic Responsibility (CDR) bezeichnet dabei einen Forschungsansatz, der unternehmerisches Handeln nicht nur unter Effizienz- oder Nachhaltigkeitsgesichtspunkten betrachtet, sondern systematisch danach fragt, wie Organisationen zur Stabilisierung oder Erosion demokratischer Strukturen, Diskurse und Institutionen beitragen.
Zentraler Bestandteil dieser Agenda ist der enge, kontinuierliche Austausch mit Unternehmen und zivilgesellschaftlichen Partnern. Die Professur arbeitet mit Partnern aus unterschiedlichen Branchen zusammen, um demokratiebezogene Herausforderungen empirisch zu begleiten und konzeptionell weiterzuentwickeln. Die Lehrveranstaltung fungiert dabei als Reallabor und Transferbrücke zwischen Universität, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Die im Modul entwickelten Konzepte und Fallanalysen fließen in die Forschungsarbeiten ein und schärfen laufend theoretische Annahmen und neue Fragestellungen.
Die Veranstaltung steht exemplarisch für den Anspruch moderner Managementlehre an der Technischen Universität Dresden, gesellschaftliche Herausforderungen nicht nur zu analysieren, sondern aktiv in Forschung, Lehre und Transfer zu bearbeiten. Am Internationalen Hochschulinstitut Zittau (IHI) wird dieser Anspruch in besonderer Weise sichtbar als Ort, an dem wirtschaftswissenschaftliche Ausbildung, demokratische Reflexion und regional verankerte Kooperation systematisch zusammengeführt werden.
Service Learning an der Schnittstelle von Wirtschaft, Ethik und Demokratie
Didaktisch ist die Veranstaltung als Service Learning-Format angelegt. Service Learning verbindet akademische Lehre mit gesellschaftlichem Engagement, indem Studierende wissenschaftliche Konzepte auf reale Bedarfe externer Partner anwenden und diese Erfahrungen systematisch theoretisch und ethisch reflektieren.
Kern des Moduls war eine Kooperation mit dem Netzwerk für Demokratie und Courage (NDC) Sachsen, einer bundesweit aktiven Initiative für demokratische Kultur und gegen menschenverachtendes Denken. Die Studierenden arbeiteten als externes Beratungsteam und entwickelten Strategien und Organisationskonzepte, mit denen Bildungsangebote des NDC für Unternehmen anschlussfähig gemacht werden sollten, ohne die zivilgesellschaftliche Unabhängigkeit des Netzwerks zu gefährden.
Ein Besuch beim NDC vor Ort in Dresden, die gemeinsame Konzeptarbeit und eine abschließende Präsentation der Ergebnisse ermöglichten den Studierenden intensive Einblicke in die Praxis politischer Bildungsarbeit ebenso wie in die organisationalen Herausforderungen unternehmerischen Engagements. Einzelne im Modul entwickelte Konzepte und Analyseansätze werden derzeit gemeinsam mit dem NDC und Unternehmenspartnern weiterentwickelt. Zugleich entstehen aus dem Lehrprojekt Abschlussarbeiten und empirische Fallstudien, die in die laufenden Forschungsarbeiten der Professur einfließen.
Lehre als Erfahrungsraum für Verantwortung
„Wir wollten Studierende bewusst in ein Spannungsfeld schicken, in dem es keine sauberen Lehrbuchlösungen gibt“, so Kapteina. „Zwischen wirtschaftlichen Interessen, gesellschaftlicher Verantwortung und demokratischen Normen entstehen Zielkonflikte, die man nur versteht, wenn man sie real bearbeitet.“
Der Lehrpreis hat für ihn auch eine persönliche Bedeutung: „Dass die Auszeichnung auf Vorschlag von Studierenden erfolgte, ist für mich eine besondere Würdigung. Sie bestärkt mich darin, Lehre als gemeinsamen Denk- und Erfahrungsraum zu gestalten, in dem Studierende lernen, wissenschaftlich fundiert, ethisch reflektiert und praktisch handlungsfähig mit gesellschaftlichen Konflikten umzugehen.“
Internationale Anschlussfähigkeit und aktive Expertise
Mit seiner forschungsgeleiteten Service-Learning-Architektur ist das Modul in eine international dynamische Entwicklung der Management- und Wirtschaftsethik-Lehre eingebettet. Vergleichbare Formate gewinnen derzeit insbesondere an führenden nordamerikanischen Business Schools an Bedeutung, darunter an der Wharton School, der University of Michigan und der Rutgers University.
Vor diesem Hintergrund haben sich die Technische Universität Dresden und das Internationales Hochschulinstitut Zittau (IHI) frühzeitig als profilbildender Standort in diesem Feld positioniert. Die Professur bringt ihre wissenschaftliche und didaktische Expertise nicht nur in die eigene Lehre ein, sondern unterstützt auch über den Standort hinaus den Aufbau und die Weiterentwicklung entsprechender Lehr- und Forschungsformate, die darauf zielen, demokratische Verantwortung von Unternehmen konzeptionell zu fundieren und gesellschaftliche Wirkung zu entfalten. Damit stärkt sie sowohl die internationale Sichtbarkeit des Standorts als auch den gesellschaftlichen Transfer der Technischen Universität Dresden und des Internationalen Hochschulinstituts Zittau (IHI).
Ausblick
Perspektivisch soll das Modul als dauerhafter Baustein der Responsible-Management- und Corporate Democratic Responsibility (CDR)-Lehre am Internationalen Hochschulinstitut Zittau (IHI) weiterentwickelt und curricular verankert werden. Ziel ist es, das Format als experimentelle Lehr- und Transferplattform auszubauen, in der Forschung, Lehre, Unternehmensdialog und zivilgesellschaftliche Kooperation systematisch verzahnt werden.
Auf diese Weise soll ein Beitrag dazu geleistet werden, organisationales Verantwortungsvermögen zu stärken und demokratische Kompetenzen im wirtschaftlichen Handeln langfristig zu verankern. Zugleich soll das Profil der Technischen Universität Dresden und des Internationalen Hochschulinstitut Zittau (IHI) im Bereich verantwortungsvoller Unternehmens- und Gesellschaftsgestaltung weiter geschärft werden.
Die Professur dankt der Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden e. V. für die Auszeichnung und die damit verbundene Würdigung innovativer Lehre. Ein besonderer Dank gilt den Studierenden für die Nominierung sowie dem Netzwerk für Demokratie und Courage Sachsen für die engagierte und vertrauensvolle Zusammenarbeit.