28.04.2026
Zwischen Haltung und Neutralität – Wenn Führung politisch wird
Wie navigieren Führungskräfte sicher in einem Umfeld zunehmender gesellschaftlicher Polarisierung und normativer Unsicherheit? Dieser Frage widmete sich die Veranstaltung „Führungskräfte von morgen – Demokratische Verantwortung in polarisierten Zeiten“, die von der Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden e.V. im Fritz-Foerster-Bau ausgerichtet wurde.
Im ersten Teil führte Dr. Benedikt Kapteina, Postdoc an der Professur für BWL, insbesondere Responsible Management, am IHI Zittau der TU Dresden, durch einen interaktiven Workshop. Das IHI Zittau steht für einen interdisziplinären Forschungsansatz, der Managementfragen im Spannungsfeld wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und normativer Anforderungen verortet. Kapteina konfrontierte die Teilnehmenden mit dem klassischen Argument Milton Friedmans, wonach die soziale Verantwortung von Unternehmen ausschließlich in der Gewinnmaximierung liege.
Anhand realistischer Szenarien, etwa dem Umgang mit extremistischen Äußerungen im eigenen Team, entwickelten die Studierenden Handlungsoptionen und diskutierten deren Konsequenzen. Zentrales Ergebnis war, dass auch organisationales Schweigen eine Form von Positionierung darstellt und gesellschaftliche Wirkung entfaltet. Damit verlagerte sich die Diskussion von der Frage, ob Unternehmen politisch handeln, hin zur Frage, wie sie es ohnehin tun. In diesem Kontext stellte Kapteina das Konzept der Corporate Democratic Action vor. Es zielt nicht auf parteipolitisches Engagement, sondern auf die Frage, wie Unternehmen zur Stabilisierung demokratischer Rahmenbedingungen beitragen können. CDA wurde dabei als Gegenentwurf zu rein ökonomistisch verstandenen CSR-Logiken diskutiert, da es Unternehmen als potenzielle Infrastruktur demokratischer Ordnung begreift. Kapteina fasste dies sinngemäß zusammen: „Unternehmen können sich der politischen Dimension ihres Handelns nicht entziehen, sie können nur entscheiden, wie bewusst sie damit umgehen.“
Die anschließende Panel-Diskussion im Fishbowl-Format eröffnete den Austausch zwischen Wissenschaft, Praxis und Studierenden. Sebastian Thielmann, stellvertretender Vorstand der Ostsächsischen Sparkasse Dresden und verantwortlich für Unternehmenskommunikation sowie regionale Stakeholderbeziehungen, brachte eine praxisnahe Perspektive ein. Er verdeutlichte, dass sich insbesondere regional verankerte Finanzinstitute in einem Spannungsfeld zwischen öffentlichen Erwartungen, internen Dynamiken und institutionellem Neutralitätsanspruch bewegen. Dabei zeigte sich, dass Neutralität in der Praxis weniger Abwesenheit von Positionierung als vielmehr eine dauerhaft auszutarierende Erwartung zwischen verschiedenen Anspruchsgruppen ist.
Kontrovers diskutiert wurde die Frage, in welchem Ausmaß Unternehmen überhaupt legitim politisch wirken dürfen oder ob dies ihre institutionelle Rolle überschreitet. Während im Workshop die Notwendigkeit gesellschaftlicher Positionierung betont wurde, zeigte sich im Panel aus Praxisperspektive stärker die Kopplung solcher Entscheidungen an institutionelle Stabilität und Vertrauen.
Die Veranstaltung verdeutlichte insgesamt, dass zukünftige Führungskräfte mehr benötigen als fachliche Expertise. Entscheidend ist die Fähigkeit zur reflektierten Urteilsbildung in ethisch und politisch komplexen Situationen. Für die Teilnehmenden wurde insbesondere relevant, dass Führung in polarisierten Kontexten nicht die Auflösung von Dilemmata bedeutet, sondern Entscheidungen unter dauerhaft bestehenden Spannungen. Dank der Initiative der Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden e.V. wurde hierfür ein relevanter Diskursraum geschaffen.