11.03.2026
Fakten-Check: Schwangerschaftsabbruch mit Vitamin C? Ein Fall von schädlicher Fehlinformation auf TikTok
Ist ein Schwangerschaftsabbruch mit Vitamin C möglich?
Soziale Medien beeinflussen unsere Gesellschaft und insbesondere die jüngere Generation. Sie dienen zur Unterhaltung, Inspiration, Kommunikation, Ablenkung vom Alltag sowie als Quelle für Tipps und Ratschläge. Für die Nutzer wird es jedoch immer schwieriger, zuverlässige Inhalte von Fehlinformationen zu unterscheiden. Darüber hinaus besitzen soziale Medien nicht die notwendigen Funktionen, um Inhalte auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Trendvideos können ein riesiges Publikum erreichen und wenn sie zusätzlich von einer attraktiven oder besonders vertrauenswürdig wirkenden Person präsentiert werden, kann dies ihre Glaubwürdigkeit fälschlicherweise erhöhen. Ein besonders alarmierendes Beispiel dafür gab es auf der Social-Media-Plattform TikTok.
Im Juni 2022 hob der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten das Urteil „Roe v. Wade“ auf, das Abtreibungen als verfassungsmäßiges Grundrecht für alle Frauen in den Vereinigten Staaten garantierte [1]. Damit wurden Abtreibungsrechte unabhängig voneinander entschieden, was dazu führte, dass mehrere US-Bundesstaaten Abtreibungen unter fast allen Umständen verboten. Dieses Verbot löste bei Frauen landesweit die Angst aus, ihrer Entscheidung über den Abbruch einer ungewollten Schwangerschaft beraubt zu werden. Als Reaktion auf diesen als historischen Rückschlag bezeichneten Schritt gingen auf TikTok fragwürdige Videos viral. Darin wurden Methoden empfohlen, mit denen man eine mögliche Schwangerschaft zu Hause abbrechen könne. Die Einnahme einer hohen Dosis Vitamin C über mehrere Tage hinweg, solle zu Unterleibskrämpfen und Blutungen führen und letztlich eine Schwangerschaft beenden.
Die Hypothese, dass eine hohe Vitamin C Zufuhr zu Fehlgeburten führt, geht auf Artikel aus den 1960er Jahren zurück [2, 3]. Darin wurde vermutet, dass eine hohe Vitamin C Einnahme aufgrund ihrer antioxidativen Wirkung einen Anstieg des Östrogenspiegels sowie eine Sauerstoffunterversorgung des Gewebes verursacht und somit zum Abbruch der Schwangerschaft führt. In dieser Studie kam es bei 20 % der mit Vitamin C behandelten Mäuse und Ratten zu einer Fehlgeburt. Anschließend untersuchten die Forscher 20 Frauen im Alter von 20 bis 40 Jahren, die über eine verzögerte Menstruation berichteten. Allen Frauen wurde eine dreitägige Behandlung mit einer täglichen Einnahme von 6 g Vitamin C verschrieben. Bei 16 von 20 Frauen setzte die Menstruation innerhalb von drei Tagen normal ein, bei vier Frauen jedoch nicht. Wichtig zu beachten ist jedoch, dass der tatsächliche Schwangerschaftsstatus der Frauen im Vorhinein nicht überprüft wurde. Solche Verzögerungen im Menstruationszyklus einer Frau können natürlicherweise auftreten und bereits durch Stress ausgelöst werden. Ob die Verabreichung von Vitamin C wesentlich zum Einsetzen der Menstruation bei den 16 Frauen beigetragen hat oder ob andere Faktoren eine Rolle gespielt haben, lässt sich hier nicht eindeutig beurteilen. Andere Studien, in denen Meerschweinchen, Ratten und Hamstern Vitamin C verabreicht wurden, zeigten weder eine Auswirkung auf ihre Schwangerschaften, noch wurden Fehlgeburten gemeldet. Die Forschenden kamen zu dem Fazit, dass Vitamin C bei insgesamt vier Tierarten keinen Einfluss auf die Schwangerschaft hat [2, 4]. Der Mythos hielt sich jedoch bis ins 21. Jahrhundert [5] und offenbar bis heute, zumindest auf TikTok. Demgegenüber deuten aktuelle Studien ironischerweise auf eine positive Wirkung von Vitamin C auf Schwangerschaften hin. Als Antioxidant kann Vitamin C während der Schwangerschaft möglicherweise Zellschäden verhindern, die durch reaktive Sauerstoffspezies verursacht wurden [6]. Anstatt mit Vitamin C eine Fehlgeburt auszulösen, hat dieser TikTok-Trend also womöglich sogar gesunde Schwangerschaften gefördert.
Eine extrem hohe Vitamin C Zufuhr von mehr als 2000 mg pro Tag gilt als wenig toxisch [7], kann jedoch zu unangenehmen Nebenwirkungen wie Durchfall und Übelkeit führen. Die in den meisten TikTok-Videos empfohlene Dosis von bis zu 6000 mg Vitamin C pro Tag unterstreicht die Tatsache, dass es keine medizinischen Untersuchungen oder Belege für diesen Trend gibt. Vielmehr wird deutlich, dass TikTok-Ratschlägen nicht ohne kritisches Hinterfragen vertraut werden sollten. Glücklicherweise hat dieser Trend bei jungen Frauen keine Gesundheitsschäden oder Vergiftungen verursacht (zumindest wurden keine gemeldet), aber er könnte ein falsches Gefühl der Sicherheit verbreitet haben. Der Mythos, dass eine Überdosierung von Vitamin C zu Fehlgeburten führt, zeigt also, dass viralen Videos nicht allein aufgrund ihrer Popularität vertraut werden sollte. Blindlings Trends zu folgen, kann gefährlich sein. Man sollte sich also immer fragen: Welche Belege gibt es dafür?
Hanna Dylong & Luca Rößler, Übersetzung Simon Schäfer