07.01.2026
„Vielfalt heißt nicht nur Regenbogenflagge und Unisex-Klo“
(porträtiert im Jahr 2025)
Dagmar Möbius
Friederike Kühn hat Französisch, Spanisch und Englisch gelernt und ein Abitur mit französischer Hochschulzugangsberechtigung abgelegt. 1982 geboren, erlebte die Dresdnerin Nachwendeunsicherheiten hautnah. Über Umwege wurde sie Soziologin. Entgegen gängiger Klischees fuhr sie nie Taxi und ist heute beruflich als Projektmanagerin Diversity in der Klinik Bavaria Kreischa angekommen.
„Berufsorientierung gab es in meiner Schulzeit nicht wirklich“, sagt Friederike Kühn. Ihre Eltern waren in den 1990er-Jahren mit beruflichen Umbrüchen konfrontiert und mussten Umschulungen absolvieren. Die 43-Jährige erinnert sich an eine Art Berufseignungstest einer Versicherung während ihrer Gymnasialzeit: „Da kam Soziologie/Sozialpädagogik heraus.“ Eine Beraterin der Arbeitsagentur empfahl ein Tourismusstudium in Breitenbrunn, „weil ihre Tochter das auch gemacht hat“. Als Großstadtkind war es für Friederike Kühn jedoch unvorstellbar, von Dresden ins Erzgebirge umzuziehen. „Ich wollte Studentenleben, Wohngemeinschaft, Party feiern“, lacht sie. Stattdessen ging sie nach dem Abitur ein Jahr nach Amerika und arbeitete als au pair in Boston.
Lieber Menschen als Bedienungsanleitungen
Als vielfaltsorientierter Arbeitgeber der Region beim Markt der Kulturen in Pirna
Für die sprachlich Begabte waren die Studienmöglichkeiten begrenzt. Lehramt wählte sie auf Abraten eines Lehrers ab. Sie begann ein Übersetzungsstudium in Magdeburg, merkte aber schnell, dass das nicht ihre Berufung war. Nicht nur, weil man ihr und ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen ankündigte, sie würde „später Bedienungsanleitungen übersetzen“. Nach zwei Semestern wechselte sie an die Universität Magdeburg zur Fachrichtung Soziologie. Nach dem Grundstudium zog es sie 2006 zurück in ihre Heimatstadt und zum Magisterstudium Soziologie an die TUD. „Das ist die Wissenschaft, die sich damit beschäftigt, wie das menschliche Zusammenleben funktioniert“, erklärt sie. Als Nebenfächer belegte sie Erziehungswissenschaften und Anglistik. Sie lobt die Möglichkeiten der TU Dresden, Sprachen zu lernen. „Mit Holländisch und Schwedisch habe ich angefangen“, sagt sie und bedauert, wie viel schwerer es im Leben nach der Schulzeit fällt, Fremdsprachen zu lernen. 2011 schrieb Friederike Kühn ihre Abschlussarbeit über Arbeitsmigration im Dreiländereck. Dass in Sachsen relativ wenig Polnisch und Tschechisch gelehrt und gesprochen wird, findet sie bis heute schade.
„Niemand sucht Soziologen“
Obwohl sie neben ihrem Studium in der Behindertenhilfe gearbeitet hatte, gestaltete sich der Berufseinstieg schwierig. „Niemand sucht Soziologen. Das ist bis heute so“, sagt sie und erkannte, man muss nach Stellen für Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern suchen. Über eine Elternzeitvertretung wurde sie Fallmanagerin bei einem Jugendhilfeträger. Begrüßt mit dem Vorurteil aller Vorurteile: „Soziologen fahren doch eigentlich immer Taxi.“ Mehrfach befristet, prekär bezahlt. Friederike Kühn pendelte täglich in den Landkreis Meißen, Taxi fuhr sie nie. Weil „man da jede kleine Straße kennen muss.“ Existenzängste verneint sie und man glaubt ihr, wenn sie sagt: „Notfalls setze ich mich an die Supermarktkasse.“ Das war nicht notwendig, denn zwischen 2013 und 2016 arbeitete sie in einer regionalen Koordinierungsstelle für Berufs- und Studienorientierung in Pirna und betreute eigene Projekte. Nebenberuflich absolvierte sie ein zweijähriges Studium für Sozialmanagement an der Sächsischen Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie.
Erkenntnis: Vielfalt wird relevant
Vielfalts-Glücksrad – einfach mal am Rad drehen und Perspektivwechsel.
Ein Kontakt aus diesem Studium führte sie zu ihrer ersten unbefristeten Tätigkeit. Beim ASB Dresden & Kamenz gGmbH baute sie ab 2017 die Stabsstelle Unternehmenskommunikation/Recruiting auf. Hier begegnete ihr erstmals das Thema Diversity: „Mir wurde bewusst, dass Vielfalt relevant wird.“ Nach sieben Jahren und inzwischen Mutter zweier Kinder, entschloss sie sich 2023, neue Wege zu gehen. „Ich habe zweimal erfahren, dass eine Stelle nach der Elternzeit nicht mehr so existiert wie sie war.“ Auch ihre Themen waren andere geworden.
Sinnstiftende Tätigkeit ist das A und O
Friederike Kühn bewarb sich vor zwei Jahren auf eine Ausschreibung der Klinik Bavaria Kreischa. Diese hatte sich nach einem Strategieprozess die Themen Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Employer Branding, Vielfaltsmanagement und Gesundheitsförderung auf die Fahnen geschrieben. „Ich bekam direkt im Vorstellungsgespräch die Zusage“, freut sich die Projektmanagerin Diversity. Ihre Erfahrungen im Projektmanagement, ihre Neugier auf Menschen und ihre soziale Ader kamen ihr zugute. Mit vier Kolleginnen und Kollegen kümmert sie sich nun um Zukunftsthemen. „Beim Thema Vielfalt geht es nicht nur um Regenbogenflagge und Unisex-Klo, sondern um Chancengerechtigkeit und Teilhabe“, stellt sie klar. „Wir haben die Freiheit, Dinge anders, erlebbar zu machen. try and error gehört dazu.“
Kein Job für Jede oder Jeden
Was sie für ihre Arbeit brauchte, lernte sie immer im Job. Auch wenn sie auf die theoretischen Grundlagen des Studiums zurückgreifen konnte. Die Konzepte „Etablierte und Außenseiter“ von Niklas Luhmann haben sie nachhaltig beeinflusst. An die TUD-Professoren Karl-Siegbert Rehberg, Professor Karl Lenz und viele wechselnde Leute denkt sie zurück.
In ihrer aktuellen Tätigkeit gehe es viel um Haltung. Fragen wie: „Was heißt es denn, Karriere zu machen?“ oder „Wie sehe ich auf Menschen?“ erfordern Selbsterfahrung und Reflexionsbereitschaft. „So einen Job kann nicht Jede oder Jeder machen“, ist Friederike Kühn überzeugt. „Natürlich habe ich auch Vorurteile, aber ich versuche, mit einem offeneren Blick durch die Welt zu gehen als andere. Antidiskriminierung kann man lernen.“ Dabei gehe es auch ans Eingemachte: Klassen, hierarchische System, Symbolpolitik.
Ally ship und Normalität
In der Klinik Bavaria, die Pionierin für die Anerkennungsproblematik migrantischer Arbeitskräfte war, gibt es beispielsweise einen Elternpool für Pflegekräfte oder flexible Arbeitszeiten im Frühdienst. Doch es geht um weit mehr. Akademisierung der Pflege, Integration von Fachkräften, Toleranz, Ressourcenorientierung statt Defizitdenken. „Im Bereich Diversity gibt es den Begriff Ally ship, Verbündeter oder Verbündete sein“, erklärt die Projektmanagerin. In ihrer Amtszeit, im August 2024, hat ihr Arbeitgeber die Charta der Vielfalt unterzeichnet und sich damit wie rund 6500 Unternehmen in Deutschland verpflichtet, „ein wertschätzendes und respektvolles Arbeitsumfeld zu schaffen und die Vielfalt ihrer Mitarbeitenden aktiv zu unterstützen“. Um die These „nicht nur Regenbogenflagge und Unisex-Klo“ zu konkretisieren, betrifft das die Persönlichkeitsdimensionen Alter, Geschlecht und geschlechtliche Identität, körperliche und geistige Fähigkeiten, Migrationsgeschichte und Nationalität, Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierung und soziale Herkunft.
Friederike Kühn weiß, dass das Thema Diversity auch Konflikte und Ungerechtigkeitsempfinden auslösen kann. Sie sagt: „Wir müssen umdenken und besser darauf vorbereitet sein.“ Und sie wünscht sich, dass alle Menschen lernen, dass Vielfalt normal ist.
Kontakt:
Friederike Kühn
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Transparenzhinweis:
Die Autorin Dagmar Möbius war von 2000 bis 2005 in der Klinik Bavaria Kreischa beschäftigt.
TUD-Filmclip zum Studium der Geisteswissenschaften:
Studium der Geisteswissenschaften © TUD 2022
TUD-Filmclip zum Studium der Soziologie:
Soziologie Erstiwoche © TUD 2021