Aktuelle Forschungen
An der Professur für Alte Geschichte wird derzeit an den folgenden Projekten gearbeitet:
In der Öffentlichkeit zu stehen ist für Politiker in vielen Gemeinwesen zentral. Und doch kann Bekanntheit nicht nur helfen, sondern bietet auch die Möglichkeit von Angriffen. Was aktuell anmutet, wird im Rahmen des Forschungsprojektes für das klassische Athen (5. u. 4. Jh. v.u.Z.) untersucht, und zwar mit Fokus auf sexuelle Diffamierungsstrategien in politischen Reden.
Zu Beginn der Studie wird gezeigt, dass bei der wahlberechtigten Bevölkerung in Athen Normvorstellungen von Politikern existierten, die klare Erwartungen an das Sexualverhalten, die Liebesbeziehungen und die Geschlechtsidentität inkludierten. Für die Untersuchung sind primär die Enttäuschungen jener Erwartungen – die Devianzen – von Interesse, da sie in der politischen Kultur instrumentalisiert werden konnten. Die Arbeit möchte untersuchen, inwiefern sexuelle und beziehungsbezogene Devianzen im Rahmen von Reden in der politischen Öffentlichkeit Athens genutzt wurden, um Politiker zu diffamieren, ihre politischen Handlungsräume zu limitieren oder sogar ihren Karrieren ein Ende zu setzen. Darauf aufbauend wird die Relevanz von Vorstellungen (in)korrekter Sexualität für attische Politiker im öffentlichen Raum sowie damit verbundene rhetorische Strategien evaluiert. Da die Rhetoren sowie Rhetorikhandbücher des klassischen Athens sowohl für weitere antike Kulturen als auch moderne westliche Gesellschaften zu prägenden Klassikern avancierten, wird im zweiten Teil die Übernahme der untersuchten attischen Phänomene nachverfolgt. Es wird der Frage nachgegangen, ob durch das Rhetorikstudium einerseits Diffamierungspraktiken bezüglich sexueller Devianzen und andererseits damit verknüpfte Normvorstellungen aus Athen Eingang in Rom oder im modernen Europa fanden und dort die Wahrnehmung von Personen des öffentlichen Lebens beeinflussten. In toto wird damit ein Verständnis für die Wirkmächtigkeit und Tragweite jener Werte und Praktiken aus Athen für die politischen Kulturen Europas geschaffen. Das Forschungsprojekt möchte damit einen Beitrag dazu leisten, Strukturen sowie Entwicklungen von sexueller/geschlechtsbezogener Diskriminierung und Ausgrenzung sowohl im antiken als auch im modernen politischen Raum offenzulegen.
In ihrer Forschung konzentriert Noreen Stühmer sich auf die politische Kultur der mittleren römischen Republik. Gegenstand des Dissertationsprojektes sind dabei die plebeischen Erstconsuln dieser Zeit. Indem sich von dem durch die Forschung massiv aufgeladenen Quellenbegriff homo novus gelöst und versucht wird, Statusstrategien abseits des Verweises auf die Ahnen sichtbar zu machen, soll die Arbeit dazu beitragen, das Bild einer starren Familienrepublik weiter aufzuweichen und Oberschichtskonzepte zu dynamisieren.
Vyacheslav Telminov arbeitet derzeit als Gastforscher am Lehrstuhl Alte Geschichte, TU Dresden. Seine Forschung konzentriert sich auf die politische Villenkultur der römischen Nobilität und deren Raumstrukturen. Außer literarischen Quellen benutzt er archäologische Befunde, um den Zusammenhang zwischen dem Wandel des politischen Systems und der Struktur des Raumes auf einem Privatbesitz näher zu bestimmen.