04.08.2026
#101 Spazieren für die Demokratie
Was macht eigentlich einen guten Ort für politische Bildung aus? An der JoDDiD haben wir dafür in den letzten Jahren oft über sogenannte „Dritte Orte" nachgedacht – Orte, die einfach und kostenfrei zugänglich sind, in der Freizeit aufgesucht werden und Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammenbringen. Aber muss es überhaupt ein festgelegter Ort sein?
In Leipzig, Berlin und anderswo sind gerade sogenannte Spazierclubs im Trend: Menschen verabreden sich zu einer festen Zeit an einem festen Startpunkt, um von dort gemeinsam loszulaufen – und sich dabei kennenzulernen. Die Bewegung ist auch aus einer kollektiv erfahrenen Einsamkeit heraus entstanden, die bekämpft werden soll.
Wir finden, wer schon mal so durch die eigene Stadt schlendert und dabei neuen Menschen begegnet, kann das eigentlich auch gleich nutzen, um über mehr zu sprechen als über das aktuelle Wetter.
Zum Beispiel darüber, wo man sich in der Stadt sicher fühlt – und wo nicht. Welche Altersgruppen von Menschen man wo in der Stadt trifft. Oder an welchen Stellen man es mit einem Rollstuhl oder Kinderwagen wohl schwer hätte. Wir haben euch mal ein paar weitere solche Fragen gesammelt, die man gemeinsam besprechen könnte:
- Welche Orte in der Stadt sind für dich mit einer politischen Erinnerung verknüpft?
- Nach wem ist diese Straße benannt – und würdet ihr sie heute noch so nennen?
- Gibt es hier ein Denkmal, eine Gedenktafel, einen Stolperstein? Wer bleibt sichtbar, wer wird vergessen?
- Welche Spuren von Zuwanderung oder Stadtgeschichte fallen euch an Gebäuden, Läden oder Schildern auf?
- Wo würdest du gern mal hin, traust dich aber nicht so recht?
- Was verändert sich an einem Ort, je nachdem, zu welcher Tages- oder Nachtzeit man ihn durchquert?
- Gibt es Orte, an denen du dich beobachtet fühlst? Von wem?
- Wem „gehört" die Grünfläche nebenan gerade – Hunden, Kindern, Feiernden, niemandem, allen?
Ein Spazierclub mit politischem Fokus braucht kaum mehr als eine feste Route, eine Uhrzeit und Menschen, die Lust haben, im Gehen ins Gespräch zu kommen. Wer mag, kann pro Etappe die Frage wechseln oder am Ende gemeinsam eine kleine Karte mit den prägendsten Antworten zeichnen – schon ist aus dem Spaziergang nebenbei eine kleine politische Stadtforschung geworden.
Am Ende zählt nicht die Strecke, sondern wer sie mit wem gegangen ist.