06.08.2026
#102 Politisches Radioballett
Stell dir vor, du schlenderst durch die Straßen deiner Stadt oder deines Dorfes und bemerkst plötzliche eine Gruppe von Menschen mit Kopfhörern. Sie scheinen sich völlig willkürlich zu bewegen, wandeln umher und nehmen mit Bewegungen aufeinander Bezug - aber ganz ohne gesprochene Worte. Dann hast du vielleicht ein Radioballett entdeckt!
Wir finden diese Kunstform, welche vom Körperfunkkollektiv praktiziert wird, äußerst spannend. Sie macht Austausch und Interaktion einer Gruppe auf räumlich-körperliche Weise möglich, ohne dass - wie so oft bei uns in der politischen Bildung - dabei gesprochen werden muss.
Doch wie funktioniert das genau? Beim Radioballett tragen die Teilnehmenden Funkkopfhörer, über die ihnen eine Geschichte mit eingebauten Handlungsanweisungen zugespielt wird. Indem sie diesen folgen, erwecken sie die Geschichte selbst zum Leben – und das (falls gewollt) mitten im öffentlichen Raum, umgeben von Unbeteiligten, die von alldem nichts ahnen. Das Besondere dabei: Den verschiedenen Teilnehmenden können auch unterschiedliche Anweisungen zugespielt werden. So entsteht ein Smart Mob mit künstlerischem Anspruch – eine Performance, die unerwartet, einbindend, herausfordernd und mitunter erstaunlich intim sein kann.
Für die politische Bildung ist das enorm reizvoll, denn genau das Brechen von Normen im öffentlichen Raum und die besondere Interaktion miteinander können Politisches ganz neu transportieren und im Nachhinein zu tiefgreifenden Gesprächen führen.
Wie könnte das konkret aussehen?
Fangen wir ganz einfach an: Über die Kopfhörer werden der Reihe Zahlen angesagt. Ist das Alter dabei, in dem man selbst die eigene erste politische Erfahrung gemacht hat, sinkt man zu Boden - solange bis alle liegen. Wer war schon ganz früh dabei und wer stand noch bis (fast) zuletzt? Warum?
Menschen könnten einander vorspielen, was sie unter Politik verstehen. Wie lässt sich das nur mit dem eigenen Körper darstellen?
Die Teilnehmenden könnten dazu aufgefordert werden, zu einer Person zu gehen, von der sie denken, dass sie eine bestimmte Eigenschaft verkörpert oder etwas schon einmal gemacht hat. Beispielsweise eine Person, die schon an mehr als 5 Demos teilgenommen hat, die für soziale Zwecke spendet oder die aussieht, als hätte sie Macht.
Und eine letzte Idee: Betroffenheit darstellen. Zwei Beispiele: Personen, die sich an dem Ort der Aufführung alleine nicht sicher fühlen würden, kommen zu einem Kreis zusammen. Teilnehmende, die schon einmal einen Umweg nach Hause genommen haben, beginnen um den Rest der Gruppe herumzulaufen.
Das alles sind bloß erste Ideen, die noch weiterentwickelt werden können. Nach dem Ballett haben die Teilnehmenden eine gemeinsame, körperliche Erfahrung, über die sich reden lässt. Schafft ihr es vielleicht, einen Teil der Gruppe eine politische Bolognese tanzen zu lassen? Oder einen Kopfstand machen zu lassen? Wir sind gespannt!