29.01.2026
#96 GERÜCHTEKÜCHE 2.0 // JoDDiD meets Amadeu Antonio Stiftung
Gerüchteküche 2.0
In unserer Gerüchteküche, die Ihnen sicher bereits bekannt ist, kann sich mit Strategien im Umgang mit Verschwörungsgläubigen im eigenen Umfeld spielerisch auseinandergesetzt werden.
In unseren heutigen Idee geht es auch um eine Gerüchteküche. Diesmal handelt es sich um eine ganz neue Gerüchteküchenidee, die im Rahmen des Projekts NetCitizens bei der Amadeu Antonio Stiftung entstanden ist.
MIT DER GERÜCHTEKÜCHE 2.0 ANDERS ÜBER DESINFORMATION SPRECHEN
Während die Gerüchteküche der JoDDiD die Auseinandersetzung mit Verschwörungserzählungen anregt, rückt die Gerüchteküche von NetCitizien Desinformation in den Mittelpunkt. Sozusagen eine Gerüchteküche 2.0. Beide Ansätze eint: Sie machen im Kern sichtbar, wie kleine Risse im Vertrauen und im gemeinsamen Faktenverständnis entstehen und dadurch langfristig unsere Demokratie ins Wanken geraten, also wie toxische Narrative und Falschinformationen das demokratische Miteinander unterwandern. So vermitteln sie nicht nur Wissen, sondern schaffen Räume für Reflexion und Austausch über Handlungsstrategien.
WARUM WIR ANDERS ÜBER DESINFORMATION SPRECHEN MÜSSEN
Die politische Bildung spricht notwendigerweise viel über Desinformation. Meist geht es dann um Fact-Checking-Tools oder Checklisten, die dabei unterstützen, die Vertrauenswürdigkeit einer Quelle einzuschätzen. Das sind wichtige und bewährte Ansätze, aber sie können erweitert werden. NetCitizens schaut über den Tellerrand der Bilderrückwärtssuche hinaus – hin zu Emotionen, Narrativen und Macht. Machen wir uns nichts vor: Künstliche Intelligenz bringt im Themenfeld der Desinformation eine neue Herausforderung mit sich, denn die Erzeugung und Verbreitung emotional aufgeladener Inhalte wird sich beschleunigen. Nicht selten entsteht der Eindruck, Desinformation sei etwas, das nur „in radikalen Ecken“ stattfindet. Nach dem Motto: Auf Desinformation fallen nur die anderen rein – ich selbst nicht. Außerdem muss auch sichtbar gemacht werden, dass Desinformation auch dann wirkt, wenn wir sie nicht glauben. Sie streut Misstrauen und verschiebt Debatten – hinein in die politische und mediale Sphäre. Die Aufgabe der politischen Medienbildung ist es dabei, komplexe Themen alltagsnah und verständlich herunterzubrechen. Genau dafür nutzen wir Bilder und Methoden, die das greifbar machen. Zum Beispiel mit der Methode „Gerüchteküche“.
WIE KÖNNTE DAS AUSSEHEN?
Kommen Sie und nehmen Sie Platz in unserer Gerüchteküche. Schauen wir gemeinsam in die Töpfe, riechen wir an den Gewürzen und werfen den Blick erst einmal auf die Frage, warum die alten Rezepte der Desinformation immer wieder so wirksam bleiben; auch dann, wenn niemand sie wirklich „isst“.
Im ersten Schritt schauen wir uns die Basis des Gerichts an. Meist sind es alte Zutaten, die sich lange halten und auch schon lange im Umlauf sind. Sie stammen oft aus einem gut gefüllten Vorratsschrank in unseren Köpfen: Negative und diskriminierende Stereotype, Vorurteile und Narrative, die sich in unseren Gesellschaften hartnäckig halten und die immer wieder hervorgeholt werden. Um in der Gerüchteküche Desinformationsnarrative zu analysieren, nutzen wir die wichtigen und umfangreichen Faktenchecks – wie zum Beispiel vom BR-Faktenfuchs. Wie ein Grundnahrungsmittel halten sie sich lange im Vorratsschrank. Doch wie in jeder Küche reicht eine Zutat allein nicht aus. Erst durch die Gewürze erhält das Gericht seinen Geschmack. Die Basiszutat wird mit Emotionen gewürzt, damit die Richtung der Desinformation bestimmt wird und bei den Empfänger:innen andocken kann: Gerechtigkeitsgefühl, Misstrauen, Neid oder Abstiegsangst machen eine Behauptung schmackhaft, ja vielleicht für die Empfänger:innen sogar plausibel. Dies wirkt stärker als jede sachliche Widerlegung, auch weil sie verkürzte und einfache Antworten bieten, gerade wenn es um komplexe Themen wie zum Beispiel Sozialpolitik geht. Sie verstärken und beeinflussen, wie (Des-)Informationen wirken und wo sie ansetzen. Problematische Bewertungen sind dadurch immer wieder präsent. Warum funktionieren diese Gewürze? Wie auch im genannten Faktencheck vom BR beschrieben wird, neigen Menschen dazu, andere nach ökonomischen Kriterien zu beurteilen: Wer nicht „nützlich“ oder „profitabel“ erscheint, wird leichter abgewertet. Das zeigt die Machtstrukturen deutlich. Damit die Gerichte gekocht werden können, braucht es außerdem Utensilien – sprich: Strategien, um sie zu kochen. Desinformation wird in Kurzvideos gegossen, in vermeintliche „witzige“ Memes verpackt und am Ende werden diese in Talkshows wiederholt. Einzelfälle von Sozialleistungsbetrug werden immer wieder aufgewärmt, wie mit einem Nudelholz neu ausgerollt, dadurch vergrößert oder mit einer Schere aus dem Kontext geschnitten. Dadurch werden diese genutzt, um zu pauschalisieren und zu verallgemeinern, aber vor allem, um komplexe Zusammenhänge radikal zu vereinfachen. Wie mit einem Schneebesen werden Fakten und Meinungen miteinander vermischt und zwar so, dass Meinungen als Fakten dargestellt werden. So entsteht etwas, das plausibel wirkt, obwohl die Grundlage längst widerlegt ist. Dann kommt das Servieren. Bestimmte Akteur:innen wie z.B. antidemokratische Parteien, rechte Medien oder Social-Media-Kanäle bringen die Gerichte gezielt auf den Tisch, um Misstrauen zu säen und demokratische und Werte von sozialer Gerechtigkeit in Frage zu stellen.
Viele, die ein Gerücht weitererzählen oder teilen, sind dabei nicht die Köch:innen, also die Urheber:innen, aber sie verspeisen das Gericht. Das meint sinngemäß, dass ihnen das Gericht schmeckt, also sie es annehmen oder gar weitergeben. Das funktioniert, weil das Gericht ihrem Geschmack entspricht, da es an ihre Emotionen, Weltbilder oder laufende Debatten andockt. Und schließlich das Essen selbst. Niemand muss das Gerüchte-Gericht tatsächlich glauben, damit es wirkt. Allein schon der Geruch reicht: Vorurteile werden bestätigt, Räume vergiftet, Diskurse verschoben. Plötzlich erscheinen politische Maßnahmen gegen Bürgergeldempfänger:innen plausibel, die zuvor kaum denkbar waren – etwa drastische Einschränkungen von Sozialleistungen. Im letzten Schritt wird das Gericht serviert. Entscheidend ist, wer es auf den Tisch bringt und wie es angerichtet wird. Viele Gerichte entstehen nicht zufällig, sondern werden mit klarer Schädigungsabsicht gekocht und so inszeniert, dass sie Aufmerksamkeit erzeugen: durch Sprache, Bildsprache, Sounds oder Memes, die sich crossmedial verbreiten. Parasoziale Beziehungen verstärken die Wirkung. Denn wenn die „kochende“ Person jemand ist, dem ich vertraue, nehme ich das Gericht eher an. Und dann der Geschmack: Desinformation wird geglaubt oder entlarvt und dadurch abgelehnt – doch selbst abgelehnte Gerichte hinterlassen Spuren. Sie setzen Themen und verschieben Diskurse. Faktenchecks allein reichen hier nicht aus. Schon gar nicht, wenn Künstliche Intelligenz die Grenze zwischen „wahr“ und „nicht wahr“ zunehmend verwischt. Selbst künstlich erzeugte Inhalte können zwar als solche erkannt werden und dennoch wirken, da sie an dem Vorurteil oder einer einfachen Antwort andocken. In der Konsequenz entfalten sie also auch eine Wirkung. Deshalb brauchen wir nicht nur Faktenchecker:innen, sondern Restaurantkritiker:innen: Menschen, die Rezepte durchschauen, Wirkung erklären und Muster entlarven, also die Zutaten herausschmecken. Prävention heißt, nicht nur Zutaten zu prüfen, sondern die Küche hinter der Desinformation zu verstehen.
Haben Sie Lust, noch mehr zu dieser Gerüchteküchen-Idee von Charlotte Lohmann von der Amadeu Antonio Stiftung zu erfahren? Dann klicken Sie hier.