31.08.2026
Dr. Kapteina organisiert Panel zu Wirtschaftsethik in Zeiten demokratischer Erosion
SBE Annual Conference 2026
Vom 29. Juli bis zum 1. August 2026 hat Dr. Benedikt D. S. Kapteina, Postdoc an der Professur für Betriebswirtschaftslehre, insb. Responsible Management, am Internationalen Hochschulinstitut (IHI) Zittau der TU Dresden, an der Jahrestagung der Society for Business Ethics im Sonesta Hotel in Philadelphia teilgenommen. Er organisierte dort ein Panel zu Wirtschaftsethik in Zeiten demokratischer Erosion, leitete es als Session Chair und stellte an anderer Stelle ein eigenes Papier vor.
Bedeutung der Tagung
Die Society for Business Ethics ist die zentrale internationale Fachgesellschaft der Wirtschaftsethik und Herausgeberin von Business Ethics Quarterly, einer der führenden Zeitschriften des Feldes. Sie nimmt grundsätzlich kein Unternehmenssponsoring an; die Finanzierung von Reisebeihilfen für Promovierende und für Forschende aus unterrepräsentierten Regionen erfolgt über akademische Zentren, gemeinnützige Organisationen und Einzelpersonen. Traditionell tagt die Gesellschaft unmittelbar vor der Academy of Management, sodass beide Konferenzen in derselben Stadt aufeinanderfolgen.
Das Programm 2026 verband Paper Sessions mit Panels, den Formaten für Nachwuchsforschende, Buchdiskussionen im Format Coffee with an Author, einer gemeinsamen Keynote mit der Division Social Issues in Management der Academy of Management sowie der jährlichen Preisverleihung. Die Eröffnungskeynote hielt Scott J. Shapiro (Yale University), Professor für Rechtswissenschaft, Philosophie und Informatik.
Die Tagung 2026 kehrte nach Philadelphia zurück, nachdem die Gesellschaft 2025 erstmals in Europa getagt hatte, und wurde erstmals um einen Tag vorgezogen. Neben den Fachsessions bietet das Programm eigene Formate für den wissenschaftlichen Nachwuchs, darunter das Emerging-Scholars-Programm mit Mentoring und beitragsfreier Teilnahme sowie ein Netzwerk für Junior Scholars. Das Panel von Dr. Kapteina lag im Sitzungsblock des Freitagvormittags, parallel zu Sessions über moralisches Urteilen in Organisationen, Wertepluralismus und Unternehmen in staatlicher Rolle; am selben Tag folgten die gemeinsame Keynote mit der Division Social Issues in Management und die jährliche Preisverleihung.
Das Panel
Am 31. Juli organisierte Dr. Kapteina das Panel „Business Ethics in Times of Democratic Backsliding“, leitete es als Session Chair und wirkte selbst darin mit. Auf dem Podium diskutierten Eric Orts (Wharton School, University of Pennsylvania), Joanne Ciulla (Rutgers Business School), Andreas Georg Scherer (Universität Zürich), David Silver (Sauder School of Business, University of British Columbia), Alessio Salviato (Wharton School) und Michael Posner (NYU Stern School of Business). Die Besetzung verbindet damit rechtswissenschaftliche, philosophische, organisationstheoretische und menschenrechtliche Perspektiven auf dieselbe Frage: was Unternehmen und ihre Führungskräfte tun können und sollen, wenn demokratische Institutionen unter Druck geraten.
Der eigene Beitrag
Am 1. August stellte Dr. Kapteina in der Sektion zu Corporate Engagement das Papier „Drawing the Line: Democratic Orientation in Corporate Electoral Engagement“ vor, verfasst mit Iwan Alijew (Universität St. Gallen). Untersucht wird darin, wie Unternehmen im Umfeld von Wahlen politisch tätig werden, wenn Desinformation und Polarisierung die epistemischen Voraussetzungen demokratischer Willensbildung angreifen. Empirische Grundlage ist das Engagement von Unternehmen rund um die Europawahl 2019, ausgewertet über Dokumentenanalysen und einunddreißig Interviews mit Führungskräften sowie ergänzende Gespräche mit Verbandsvertreterinnen und -vertretern.
Konzeptionell schlägt das Papier den Begriff der demokratischen Orientierung als Bewertungsmaßstab vor, mit den vier Dimensionen Wirkung, Reflexion, Öffentlichkeit und Neutralität. Als fragilste dieser Dimensionen erweist sich die Neutralität: Auch formal überparteiliche Maßnahmen wie Wahlaufrufe oder Initiativen gegen Desinformation können unter polarisierten Bedingungen als parteiisch oder elitär gelesen werden. Das Papier wurde als Arbeitsstand vorgestellt, ausdrücklich mit der Bitte um Diskussion über Reichweite und Grenzen des Konzepts.
Was die Forschung dazu zeigt
Dr. Kapteina untersucht, wie Unternehmen politisch handeln, wenn demokratische Institutionen unter Druck geraten, und wann dieses Handeln wirkt. Unter dem Begriff Corporate Democratic Action werden die Bedingungen gebündelt, unter denen Unternehmen als demokratische Akteure handeln: Entscheidend ist weniger die Sichtbarkeit eines Bekenntnisses als seine Verankerung in Strukturen, Zuständigkeiten und Routinen. Das mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln erarbeitete Policy Paper zum CEO-Aktivismus zeigt entsprechend, dass öffentlich sichtbare Positionierungen von Führungspersonen in ihrer Wirkung begrenzt bleiben. Frühere Zwischenstände erschienen in den Academy of Management Proceedings 2024 unter dem Titel „Decoding Corporate Support for Democracy: A Study in Eastern Germany“ sowie 2025 als „Redefining Corporate Responsibility: The Role of Companies in Supporting Democracy“; eine frühe Zuspitzung des Arguments findet sich im LSE Business Review. Weitere Arbeiten, darunter ein Übersichtsbeitrag zur Entstehung privater Governance im Journal of Business Ethics, sind im Publikationsverzeichnis nachgewiesen. In die Praxis übersetzt wurde dieser Strang zuletzt im Schmalenbach-Workshop zu Corporate Democratic Action.
Bearbeitet wird dieses Feld an der Professur für Betriebswirtschaftslehre, insb. Responsible Management am IHI Zittau der TU Dresden im Team, unter anderem gemeinsam mit Prof. Dr. Markus Scholz und PD Dr. Eckhard Burkatzki.