29.06.2026
Die Positivistin – von der TU Dresden in den SDAX
Yvonne Rostock ist eine erfolgreiche Unternehmerin
(interviewt im Jahr 2026)
Dagmar Möbius
Yvonne Rostock hätte sich als aus Sachsen stammende BWL-Studentin nie träumen lassen, als Absolventin der TU Dresden einmal an die Spitze eines börsennotierten Unternehmens zu treten. Ihre jahrzehntelange Erfahrung bei renommierten Marken stellt sie heute als Beirätin, Investorin und Expertin für Unternehmenstransformation zur Verfügung, kürzlich auch an der TU Dresden.
Bis zu einem Treffen im Bundeskanzleramt mit dem damals amtierenden Ostbeauftragten Carsten Schneider war ihre ostdeutsche Herkunft für Yvonne Rostock kein Thema. Sachsen als Heimat genügt ihr als Definition, der genaue Ort ist unwichtig. Vielleicht liegt das daran, dass die 1972 Geborene von ihrem ersten und ihrem zweiten Leben spricht. Als sie 17 Jahre jung war, erlebte sie die politische Wende der DDR, als Neuanfang. Danach begann ihr „zweites Leben“ und damit nach dem Abitur ihr Studium an der TU Dresden. „Die Bewerbung hat ein Freund abgegeben“, schmunzelt sie. Tourismus wäre auch denkbar gewesen, aber Yvonne Rostock studierte Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Marketing und Controlling. „Eine sehr gute Basis“, sagt sie im Nachhinein. Die Wahl für Dresden fiel vor allem wegen des weitgreifenden Studienangebots und weil sie ihren Unterhalt selbst finanzierte.
„Aus Leidenschaft entsteht Richtung“
Yvonne Rostock war schon früh von Marken fasziniert. „Ich wusste genau, was ich machen wollte.“ Bei Professor Stefan Müller arbeitete sie viel an und für Marken, beispielsweise an der Image Studie für die Semperoper. Bei Professor Thomas W. Günther lernte sie alles über Betriebliches Rechnungswesen/Controlling. Mit einem Stipendium absolvierte sie ein Auslandssemester in London. Ein Praktikum führte sie zum Traditionsunternehmen Henkel nach Düsseldorf. Nach Studienabschluss 1998 trat die Betriebswirtin hier ihre erste Stelle im Marketing an. Rückblickend sagt sie: „Aus Leidenschaft entsteht Richtung.“ Danach war sie 18 Jahre beim Kosmetikunternehmen L’Oréal tätig. „Glücklich“, wie sie sagt. Mit Verantwortung für Marken wie L’Oréal Paris, Maybelline NY oder Garnier. Ab 2006 baute sie in Kyjiw als Geschäftsführerin das Consumer Geschäft für L’Oréal in der Ukraine auf. „Mich interessiert es, ich nehme die Herausforderung an“, war ihre Intention. „Ich war 33, das Durchschnittsalter meines Teams lag bei 27 Jahren.“ Der Erfolg des Startups: profitabel, mehrstelliger Millionenumsatz. Auch das klassische Einzelhandelsmodell von The Body Shop (D/A) führte sie aus der existenzgefährdenden Verlustzone in den überlebenssichernden Gewinnbereich.
Verantwortung als Gestaltungsspielraum
Mit Leidenschaft führte Yvonne Rostock die 4500 Mitarbeiter bei Cewe.
2019 übernahm Yvonne Rostock die Geschäftsleitung Prestige von COTY Beauty für die DACH-Region. Ein Jahr später transformierte sie das Unternehmen divisionsübergreifend und digitalisierte das Geschäft. Nach vielen Jahren in der Kosmetikbranche wechselte sie im Jahr 2023 zum Fotodienstleister CEWE. Als Vorstandsvorsitzende führte sie das börsennotierte Unternehmen (SDAX) gemeinsam mit dem Team zu Rekordergebnissen in Umsatz und Ertrag, baute die Marktführerschaft in Europa aus und richtete es strategisch neu aus. Die Betriebswirtin hatte die CEWE Group als Unternehmensplattform eingeführt und das Miteinander der 4.500 Mitarbeitenden weltweit geprägt. Bedeutende Auszeichnungen wie „best managed company“, zehn Tipa Awards für Innovationen sowie der von der Initiative FidAR - Frauen in die Aufsichtsräte verliehene WoB Award 2024 würdigen ihr Engagement. Yvonne Rostock hält nicht viel von Quoten. Sie sieht sich als Impulsgeberin und sieht Verantwortung nicht als Macht, sondern mehr als Gestaltungsspielraum.
Herzensthemen Bildung und Ostdeutschland
„Ich hätte nie gedacht, wie weit mich mein Weg führt‘“, lacht die heute mit ihrer Familie in Düsseldorfer lebende Sächsin. Mutig, engagiert und bodenständig, quasi von Null startend, beschreibt sie sich. Wie besonders es ist, als Frau ostdeutscher Herkunft ein börsennotiertes Unternehmen zu führen, war ihr lange nicht bewusst. Ihre Sozialisation hat sie nie verschwiegen. „Aber auch nie hervorgehoben.“ Eine Einladung auf ein Podium im Bundeskanzleramt mit dem damaligen Ostbeauftragtem änderte das. „Ich bin Positivistin, sehe Veränderungen als Chancen“, sagt Yvonne Rostock. Und: „In einer Zeit, in der nichts mehr beständig ist, brauchen wir mehr Leute, die mutig neue Wege gehen.“ Beruf und Privatleben sieht sie dabei nicht als Gegensätze. „Erfolg ist eine Teamaufgabe“, sagt die bekennende Vielarbeiterin. Das bezieht sie auch auf die Familie. Mit ihrem Mann, einem Architekten, den sie einst an der TU Dresden kennenlernte, meisterte sie Zeiten, in denen beide in unterschiedlichen Ländern arbeiteten. Auch ist sie stolze Mutter von zwei Söhnen. „Es war nicht immer alles einfach“, gibt sie zu, aber mit der entsprechenden Resilienz gut zu bewältigen.
Auf dem Podium im Bundeskanzleramt mit dem früheren Ostbeauftragten Carsten Schneider (heutiger Umweltminister).
Lebenslanges Lernen und Mut zur Veränderung sind zwei Dinge, die sie dem Berufsnachwuchs ans Herz legt. Auch zu Künstlicher Intelligenz hat sie einiges zu sagen. KI solle nicht als Technologie, sondern als weitgreifende Transformation verstanden werden: KI kann analysieren und unterstützen aber entscheiden müssen wir selbst“. „Ich bin überzeugt davon, dass daher gerade menschliche Eigenschaften bedeutsamer werden.‘‘
Wirtschaftswandel proaktiv gestalten und Mehrwert schaffen
Für die Zukunft findet sie wichtig, dass auch ostdeutsch Sozialisierte mehr Führungspositionen besetzen. „Ihre Erfahrungen mit Umbrüchen sind gerade für Transformation wichtig“, sagt Yvonne Rostock. Das entscheidende Thema für die deutsche Wirtschaft müsse heute sein, den Wandel proaktiv zu gestalten und Mehrwert zu schaffen, zum Beispiel durch Innovationen, Technologien und Marken. Dafür empfiehlt sie unbedingt strategischen Weitblick, Agilität, Investition und Optimismus – „nicht zu schauen, was wir nicht haben.“ In Startups sieht sie die Unternehmen von morgen und sieht in Silicon Saxony einen viel versprechenden Ansatz.
Bei der Alumniverabschiedung an der WiWi-Fakultät: Prof. Michael Schefczyk, Dekan; Yvonne Rostock; Dr. Uta Schwarz, Dekanatsrätin; Prof. Florian Siems, Inhaber der Professur für Marketing (v. l. n. r.)
Neben ihrer beruflichen Laufbahn engagiert sie sich für Ostdeutschland und Bildung, kürzlich auch als Keynote Speakerin vor Studierenden und Alumni an der TU Dresden. Was sie ihnen unter anderem auf den Weg gab: „Folgen Sie Ihren Passionen, planen Sie Ihren Erfolg, sehen Sie den Wandel als Möglichkeit, leben Sie ihr Leben! Vertrauen Sie auf sich. Sie können mehr erreichen als Sie heute glauben.“
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Yvonne Rostock