06.07.2026
System unter Spannung – Lehrkräftebildung zwischen Mangel, Reform und Innovation
„System unter Spannung – Lehrkräftebildung zwischen Mangel, Reform und Innovation“ – unter diesem Titel stand der 18. Bundeskongress der Zentren für Lehrkräftebildung und Professional Schools of Education, der vom 1. bis 3. Juli 2026 an der Europa-Universität Flensburg stattfand. Im Fokus standen Austauschformate, Vernetzungsideen und Denkimpulse zur Lehrkräftebildung als professionellem Feld in Zeiten einer sich rasant wandelnden Welt.
Zu wenig Lehrkräfte, schwache PISA-Ergebnisse und ein Bildungssystem im Dauerstress. Vor diesem Hintergrund übernehmen die Zentren für Lehrkräftebildung und Professional Schools of Education bundesweit eine Schlüsselrolle als Schnittstelle zwischen Fachwissenschaften, Fachdidaktiken, Bildungswissenschaften und Schulpraxis. Sie vernetzen Akteur:innen, stoßen Reformprozesse an und begleiten diese auf unterschiedlichen Ebenen. Doch wie viel Gestaltungsspielraum bleibt, wenn der Alltag von Mangelverwaltung und bildungspolitischer Polarisierung bestimmt wird? Genau dieser Frage gingen 250 Akteur:innen aus allen Bundesländern beim 18. Bundeskongress an der Europa-Universität Flensburg nach, darunter Forschende und Dozierende des ZLSB der TU Dresden.
Einen ersten Impuls für die Bedeutung der Zentren lieferte bereits die Keynote am Eröffnungsabend.
Prof. Dr. Ulrich Bartosch (HRK-Vizepräsident für Lehre, Studium und Lehrkräftebildung) machte deutlich, dass Forschung und Lehrkräftebildung keine getrennten Welten seien. Die Zentren für Lehrkräftebildung wirken demnach nicht als administrative Einheiten, sondern als Transferagenturen zwischen Theorie und Praxis und agieren so als entscheidender Hebel für die Qualität des Bildungssystems und die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.
Noch pointierter griff Prof. Dr. Falk Radisch (Universität Rostock; Mitglied des Kuratoriums des ZLSB) den Gedanken der Neubestimmung von Professionalisierung auf und betonte, die Mangelkrise selbst könne zum Innovationsmotor werden, z.B. durch flexiblere Lehramtsstudiengänge im grundständigen Studium. Klar war für ihn auch, dass ein „Mehr“, „Früher“ oder „Tätiger“ in der Praxisausbildung ohne curricular und kumulativ eingebundene universitäre Begleitkonzepte per se kein Garant für Qualität darstelle. Berufsfeldbezug und Berufsfeldkompetenzen müssten Ausgangspunkt und Ziel der Professionalisierung zugleich sein, stets umrahmt von kontinuierlicher, evidenzbasierter Forschung. Genau darin liege die unverzichtbare Aufgabe der Universitäten als Forschungseinrichtungen.
Die Impulse aus den Keynotes fanden sich in den zahlreichen Einzelvorträgen, Workshops, Symposien und Netzwerkstätten wieder, die zentrale Transformationsthemen wie Digitalisierung, Inklusion, Bildung für nachhaltige Entwicklung und lebenslanges Lernen aufgriffen.
Die Forschenden und Dozierenden des ZLSB der TU Dresden brachten sich mit eigenen Beiträgen aktiv in den fachlichen Diskurs ein. Kerstin Döllmann und Noémie Verheggen (beide ZLSB) präsentierten den Zertifikatskurs Technik und Computer für fachfremd unterrichtende Lehrkräfte und resümierten, dass hohe Praxisanteile in der Kursgestaltung an der TU Dresden bei den Teilnehmenden auf große Zustimmung stießen.
Wie sich dem Lehrkräftemangel im ländlichen Raum begegnen lässt, zeigte Sebastian Thiele (ZLSB) am Kooperationsprojekt „Lehramt4you“ mit der Bergakademie Freiberg. Fachwissenschaftliche Bachelor-Studiengänge ermöglichten eine Umorientierung auf das Lehramt bereits während der Erstausbildung. So könnten gezielt neue Lehrkräfte für Oberschulen und MINT-Fächer im Erzgebirge rekrutiert werden.
Auf Spannungsfelder zwischen wissenschaftlichem Anspruch und schulischer Realität stießen Dr. Peggy Germer und Dr. Volker Kreß in ihrer Präsentation zur neu eröffneten Lehrkräfteakademie der TU Dresden, denn so die Referierenden, wo strukturelle Einbindung und Bedarfsorientierung fehle, würde die Kluft zwischen akademischer Theorie und schulischer Praxis anwachsen. Auf Basis der „Third Mission“ und neuer hochschulgesetzlicher Regelungen solle daher der Wissenstransfer aus der Universität in die Schule künftig systematisch verankert und begleitend evaluiert werden.
Ganz praktisch wurde ein Theorie-Praxis-Transfer im Workshop von Manja Posselt (ZLSB) und Johannes D. Dymke (Lehramtsstudent) erprobt. Anhand eines Seminarkonzepts zur Vorbereitung auf emotional herausfordernde Situationen im Schulalltag diskutierten die Teilnehmenden, welchen Beitrag solche Formate zur emotionalen Professionalisierung leisten könnten und wie sich dieser Transfer auf andere Lehrveranstaltungen übertragen ließe.
Der 18. Bundeskongress zeigte einmal mehr, dass der fachliche Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis von bundeslandübergreifenden Impulsen lebt.
Und die nächste Gelegenheit zu einem bundesweiten Austausch der Zentren lässt nicht lange auf sich warten. Prof. Dr. Axel Gehrmann (Direktor des ZLSB) verriet bereits, dass der 19. Bundeskongress voraussichtlich 2028 im 200. Jubiläumsjahr der TU Dresden in Dresden stattfinden wird.
Wir freuen uns darauf.
Prof. Dr. Ulrich Bartosch (HRK-Vize-Präsident) © Peggy Germer
v.l.n.r.: Dr. Volker Kress, Dr. Peggy Germer (Vertreter:innen der Lehrkräfteakademie des ZLSB der TU Dresden), Prof. Dr. Axel Gehrmann (Direktor des ZLSB der TU Dresden) © Peggy Germer
Sebastian Thiele bei der Präsentation des Lehramt4you (ZLSB TU Dresden) © Peggy Germer