20.03.2017

Was wissen wir über die Grenzen des Wissens?

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Was wissen wir nicht alles? Was wissen wir alles nicht? Was können wir überhaupt wissen und wo endet unser Wissen? Die Frage nach den Grenzen des menschlichen Wissens beschäftigt die Philosophie seit der Antike. Eine einfache Antwort auf diese klassische und komplexe Frage gibt es allerdings nicht. Je nachdem welche philosophische Richtung wir betrachten, erhalten wir unterschiedliche Lösungsansätze: Die Skeptiker erklären, dass all unser Wissen fehlbar ist. Platon geht davon aus, dass wir nichts von den Göttern wissen, weder von ihnen selbst noch von ihren Namen.

An der Verbindung von Skeptizismus und Religiosität setzt das Forschungsprojekt „Skeptizismus und negative Theologie“ von PD Dr. Rico Gutschmidt vom Institut für Philosophie der TU Dresden an. Die negative Theologie sagt dabei im Wesentlichen, dass alle unsere menschlichen Vorstellungen von Gott zu kurz greifen. „Selbst von Gottes Existenz könne man streng genommen nicht sprechen, da Gott über allen Kategorien stünde, selbst über der Kategorie der Existenz,“ erläutert Gutschmidt. Dabei handelt es sich aber nicht um eine atheistische Position, auch wenn es zunächst so aussieht. Im Gegenteil, laut einigen Hauptvertretern negativer Theologie, wie Cusanus oder Maimonides, kann man sich gerade im Nichterkennen Gott annähern. Die philosophische Position des Skeptizismus geht etwas allgemeiner davon aus, dass all unser Wissen fehlbar ist, weshalb wir letztlich gar nichts wissen würden. Aber auch hier gibt es einige Spielarten, nach denen man im Nichtwissen doch etwas versteht, in diesem Fall nicht Gott, sondern die Endlichkeit der menschlichen Situation.

Der Frage nach dem Status dieses Verstehens widmete sich das Forschungsprojekt von Rico Gutschmidt. Es ging aus seinem Habilitationsprojekt hervor, in dem er sich mit der Philosophie Martin Heideggers vor dem Hintergrund negativer Theologie beschäftigte. „Parallel habe ich zur Philosophie Wittgensteins und zum Skeptizismus gearbeitet. Dabei sind mir einige Analogien zwischen bestimmten Varianten des Skeptizismus und wesentlichen Strukturen negativer Theologie aufgefallen. Da es zu diesen Gemeinsamkeiten so gut wie keine Untersuchungen gibt, habe ich mich entschieden, daraus ein Forschungsprojekt zu machen,“ berichtet Gutschmidt.

Das Forschungsprojekt „Skeptizismus und negative Theologie“ verfolgte zwei Ziele: Erstens galt es, die Strukturanalogien zwischen Skeptizismus und negativer Theologie genauer herauszuarbeiten. „Der Punkt dabei ist, dass es sich in beiden Fällen nicht um theoretische Aussagen über die Grenzen des Wissens handelt, ganz allgemein oder in Bezug auf Gott. Stattdessen lassen sich Skeptizismus und negative Theologie als transformative Praktiken verstehen. Sie führen zu einem neuen Selbst- und Weltverhältnis – in der antiken Skepsis etwa zum Zustand der Seelenruhe oder in der negativen Theologie zu einer tieferen Form des Glaubens,“ erklärt Rico Gutschmidt. „Zweitens wollte ich vor dem Hintergrund dieser und weiterer Strukturanalogien zu einem besseren Verständnis des Problems beitragen, wie genau die Grenzen des menschlichen Wissens zu verstehen sind.“

Die Untersuchungen und Analysen von Rico Gutschmidt haben gezeigt, dass es tatsächlich erstaunliche Parallelen zwischen negativer Theologie auf der einen Seite und antiker Skepsis und bestimmten Interpretationen Wittgensteins auf der anderen Seite gibt. „Dabei habe ich insbesondere die Rolle ‚philosophischer Erfahrungen‘ untersucht. In solchen Erfahrungen werden die Grenzen des Wissens nicht so sehr theoretisch beschrieben, sondern in Momenten des scheiternden Denkens geradezu erlebt. Vor diesem Hintergrund habe ich das Konzept eines ‚performativen Verstehens‘ entwickelt. Es beschreibt, dass sich die Grenzen des Wissens in solchen Erfahrungen zu verstehen geben,“ fasst er seine Ergebnisse zusammen.

Den Abschluss des Projekts bildete die Konferenz „Skepticism as a Form of Philosophical Experience“ an der University of Chicago. Sie wurde von Rico Gutschmidt in Zusammenarbeit mit Jason Bridges und James Conant organisiert. Auf der Tagung wurde der praktisch-performative Aspekt in Geschichte und Gegenwart des Skeptizismus diskutiert. Dabei zeigte sich, dass dieses Verständnis skeptischer Praxis eine lange und reiche Tradition hat. „Leider wird sie von der Gegenwartsdiskussion verdeckt. Der Skeptizismus wird heute vor allem als ein theoretisches Problem behandelt, für das man nach theoretischen Lösungen sucht,“ erklärt Gutschmidt und fasst zusammen: „Als Ergebnis des Projekts ließe sich sagen, dass ein solches theoretisches Philosophieverständnis grundlegenden Fragen der menschlichen Situation nicht gerecht wird. Statt dessen gilt es, und das wird das Ziel meiner weiteren Arbeit sein, ein transformatives Modell philosophischer Praxis zu entwickeln, für das man zum Beispiel auf religiöse Traditionen zurückgreifen kann.“

PD Dr. Rico Gutschmidt wurde im Dezember 2015 von der Philosophischen Fakultät der TU Dresden im Fach Philosophie habilitiert. Das letzte Jahr verbrachte er als Visiting Scholar an der University of Chicago und arbeitete dort zu dem hier vorgestellten Projekt.

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Letzte Änderung: 15.03.2017