31.08.2026
Dr. Kapteina beim Workshop „Business Ethics and Democracy“ in Philadelphia
Liberty Bell Philadelphia
Am 28. und 29. Juli 2026 hat Dr. Benedikt D. S. Kapteina, Postdoc an der Professur für Betriebswirtschaftslehre, insb. Responsible Management, am Internationalen Hochschulinstitut (IHI) Zittau der TU Dresden, am Workshop „Business Ethics and Democracy: Illiberalism as a Challenge for Business and Society“ in Philadelphia teilgenommen. Der Workshop fand ausschließlich auf Einladung statt und wurde einberufen von Andreas Georg Scherer (Universität Zürich), Peter Bloom (University of Essex), Cristina Neesham (Newcastle University und Swinburne University) und Yuan Li (Saint Mary’s College of California). Tagungsort war das Sonesta Rittenhouse Square.
Thema und Anlass
Ausgangspunkt des Workshops ist die Beobachtung, dass die liberale Demokratie als normative Grundlage der Nachkriegsordnung unter erheblichen Druck geraten ist: durch Polarisierung, die Ausweitung exekutiver Macht, Desinformation und die Instrumentalisierung von Medien. Der Aufruf zum Workshop hält fest, dass diese Entwicklung nicht nur politischer, sondern auch wirtschaftlicher und organisationaler Natur ist, und benennt insbesondere die Konzentration von Unternehmensmacht im Technologie- und Finanzsektor als eigenen Treiber autoritärer Tendenzen. Leitfrage ist entsprechend, wie die moralische und politische Verantwortung von Unternehmen unter Bedingungen demokratischer Erosion neu bestimmt werden muss, wenn Ausgrenzung, die Aushöhlung deliberativer Normen und die Verweigerung der Anerkennung legitimer Gegenpositionen zunehmen, während die äußere Form demokratischer Legitimität gewahrt bleibt.
Format und Bedeutung
Der Workshop ist ein Entwicklungsformat, kein Präsentationsformat. Die Papiere werden zehn Tage vor Beginn unter allen Teilnehmenden geteilt, und es wird erwartet, dass alle Beteiligten sämtliche Papiere ihrer Session gelesen und Kommentare vorbereitet haben. Pro Papier stehen dreißig Minuten zur Verfügung: zwölf Minuten für die Autorin oder den Autor, fünf Minuten für die Rückmeldung der Diskutantin oder des Diskutanten, rund zehn Minuten Plenumsdiskussion. Die Convenors legen ausdrücklich einen wertschätzenden Rückmeldemodus zugrunde, der Stärken und Anschlussmöglichkeiten ebenso benennt wie Grenzen, und sie empfehlen den Autorinnen und Autoren, gezielt um Hilfe bei ein bis zwei offenen Punkten zu bitten. Die Beiträge dienen der Vorbereitung von Einreichungen für ein Special Issue von Business Ethics Quarterly zu Wirtschaftsethik, Illiberalismus und der demokratischen Ordnung im digitalen Zeitalter; die Chefredaktion der Zeitschrift war mit Danielle Warren (Rutgers Business School) und Jeffrey Moriarty (Bentley University) vor Ort und stellte den Call for Papers vor. Eine Einladung bedeutet damit Zugang zu einem kleinen Kreis, der diese Debatte gegenwärtig prägt.
Die neun Sessions der beiden Tage waren thematisch geordnet, von den Trägern illiberaler Politik über die Rolle von Unternehmen in der Demokratie und empirische Fallbeispiele bis zu Komplizenschaft und Governance. Keynotes hielten Eric Orts (University of Pennsylvania) zu „Business and the New Totalitarianism“, Joanne Ciulla (Rutgers University) zu den Pflichten von Hochschullehrenden und zur akademischen Freiheit unter Bedrohung der Demokratie sowie Abraham Singer (Loyola University Chicago) zu zwei politischen Pathologien des Unternehmens, nämlich der Vereinnahmung von Institutionen und der Rolle als Vehikel undemokratischen staatlichen Handelns.
Inhaltlich reichten die Sessions von den Trägern illiberaler Politik, etwa der Rolle von Expertise und der Frage nach einer Warnpflicht von Unternehmen gegenüber illiberalem Regierungshandeln, über die Rolle von Unternehmen in der Demokratie und empirische Fallbeispiele bis zu Komplizenschaft, Kryptowährungen und Corporate Governance. Diese Spannweite ist charakteristisch für das Feld: Die normative Debatte über die Verantwortung von Unternehmen und die empirische Forschung über ihr tatsächliches Verhalten laufen bislang weitgehend getrennt, und der Workshop führt sie in einem Raum zusammen. Für die beteiligten Arbeiten ist das der entscheidende Mehrwert, weil die Rückmeldungen aus beiden Traditionen kommen.
Beiträge von Dr. Kapteina
Dr. Kapteina war mit drei Papieren vertreten. In der Session zur Rolle von Unternehmen in der Demokratie stellte er „Constructed Under Constraint: Agency Without Actorhood and the Limits of Corporate Resistance Under Democratic Backsliding“ vor, gemeinsam mit Markus Scholz (TUD) und Daniel Schwake (University of Notre Dame). Im zweiten Teil derselben Themenreihe folgte „Three Moral Grounds for Corporate Democratic Responsibility“, verfasst mit Iwan Alijew (Universität St. Gallen). In der abschließenden Session zu Unternehmen und Governance präsentierte er „Corporate Political Engagement to Protect Democracy: If, When, and How“, gemeinsam mit Markus Scholz und N. Craig Smith (INSEAD).
Über die eigenen Papiere hinaus übernahm er eine Diskutantenrolle: Er kommentierte den Beitrag von Miguel Alzola (Fordham University) zu der Frage, wo demokratische Erosion innerhalb des Unternehmens beginnt. Damit war er an drei der neun Sessions beteiligt, in wechselnden Rollen als Autor und als Kommentator.
Was die Forschung dazu zeigt
Dr. Kapteina untersucht, wie Unternehmen politisch handeln, wenn demokratische Institutionen unter Druck geraten, und wann dieses Handeln wirkt. Unter dem Begriff Corporate Democratic Action werden die Bedingungen gebündelt, unter denen Unternehmen als demokratische Akteure handeln: Entscheidend ist weniger die Sichtbarkeit eines Bekenntnisses als seine Verankerung in Strukturen, Zuständigkeiten und Routinen. Das mit dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln erarbeitete Policy Paper zum CEO-Aktivismus zeigt entsprechend, dass öffentlich sichtbare Positionierungen von Führungspersonen in ihrer Wirkung begrenzt bleiben. Frühere Zwischenstände erschienen in den Academy of Management Proceedings 2024 unter dem Titel „Decoding Corporate Support for Democracy: A Study in Eastern Germany“ sowie 2025 als „Redefining Corporate Responsibility: The Role of Companies in Supporting Democracy“; eine frühe Zuspitzung des Arguments findet sich im LSE Business Review. Weitere Arbeiten, darunter ein Übersichtsbeitrag zur Entstehung privater Governance im Journal of Business Ethics, sind im Publikationsverzeichnis nachgewiesen. In die Praxis übersetzt wurde dieser Strang zuletzt im Schmalenbach-Workshop zu Corporate Democratic Action.
Bearbeitet wird dieses Feld an der Professur für Betriebswirtschaftslehre, insb. Responsible Management am IHI Zittau der TU Dresden im Team, unter anderem gemeinsam mit Prof. Dr. Markus Scholz und PD Dr. Eckhard Burkatzki.