Lesung aus Victor Klemperers Tagebüchern
Geschichtsunterricht und Erinnerungskultur: Schüler:innen der Klassenstufen 9 und 11 tauchten in die Geschichte der TUD und Victor Klemperers Leben ein
Victor Klemperer lehrte als Professor für Romanistik an der TUD, bevor er 1935 aufgrund seiner jüdischen Herkunft entlassen wurde. Seine Tagebücher beschreiben den Alltag der Judenverfolgung in der NS-Zeit detailliert und sind daher unverzichtbare Zeitdokumente. Der Autor und Herausgeber Dr. Renatus Deckert las vom 11. bis 13. März 2025 an der TUD für Dresdner Schüler:innen der Klassenstufen 9 und 11 aus den Tagebüchern. Dabei kommentierte und ordnete er die Auszüge für die Schüler:innen historisch ein.
Begleitet wurde die Lesung durch einen Vortrag von Dr. Hagen Schönrich (wissenschaftlicher Koordinator des Projekts „Die TH Dresden im Nationalsozialismus“), der über die Rolle der Wissenschaft im Nationalsozialismus informierte. Ein Campusrundgang zum Abschluss ließ die Geschichte an authentischen Orten lebendig werden.

Dr. Renatus Deckert bei der Lesung aus Victor Klemperers Tagebüchern am 11. März 2025 an der TUD.
Herr Dr. Deckert führt schon seit Jahren Lesungen aus Victor Klemperers Tagebüchern durch. Wir sprachen mit ihm darüber.
Frage: Warum haben Sie mit den Lesungen aus Victor Klemperers Tagebüchern begonnen?
Ich wollte etwas tun gegen die Geschichtsvergessenheit und die Schuldkult-Rhetorik von ganz rechts. Wenn die Zeit des Nationalsozialismus als „Vogelschiß“ in der Geschichte bezeichnet wird und die deutschen Verbrechen relativiert werden, wenn Antisemitismus wieder salonfähig wird und sich Juden achtzig Jahre nach Auschwitz in Deutschland bedroht fühlen – dann ist es höchste Zeit, den Mund aufzumachen. „Nie wieder!“ heißt es immer wieder an Gedenktagen. Aber es genügt ja nicht, diese Formel mit mahnendem Unterton auszusprechen. Man muß sie schon auch mit Leben füllen. Und das heißt: aufklären. Deshalb gehe ich seit ein paar Jahren an Schulen, um aus den Tagebüchern von Victor Klemperer zu lesen und davon zu erzählen, was sich damals in Dresden und anderswo zugetragen hat: und zwar in aller Öffentlichkeit. Der Terror gegen die Juden geschah ja nicht im Verborgenen. Man konnte – nein: man mußte es wissen. Es sei denn, man sah weg und hielt sich die Ohren zu.
Frage: Welche Erfahrungen machen Sie bei den Lesungen? Interessieren sich die Schüler:innen für das Thema?
Ja, ich erlebe viel Interesse und Empathie. Oft ist es während der Lesungen ganz still im Raum. Und dann kommen die Fragen. Meist sind es Verständnisfragen, man will etwas noch genauer wissen. Einzelheiten, Zahlen. Aber ich spüre auch viel Fassungslosigkeit: Wie war das möglich? Warum hat keiner etwas getan? Gerade in letzter Zeit sind es immer öfter auch Fragen zur Gegenwart. Da geht es darum, daß „biodeutsch“ zum Unwort des Jahres gekürt wurde. Oder eine Schülerin fragt mich, was sie tun kann, wenn sich jemand in der Familie antisemitisch oder rassistisch äußert. Bei vielen jungen Menschen spüre ich eine enorme Wachheit; sie schauen sehr genau, was in der Welt und in diesem Land passiert. Ich ermutige sie, nicht wegzusehen, wenn es gegen Schwächere geht, gegen Minderheiten, sich zu informieren und zu engagieren. Victor Klemperer schrieb über die Zeit des Nationalsozialismus, aber auch heute ist es wichtig, Haltung zu zeigen und für die eigenen Werte einzustehen.
Frage: Haben Sie es bei Ihren Lesungen schon mal erlebt, dass jemand im Publikum den Holocaust geleugnet hat?
So eindeutig nicht, das wäre ja auch strafbar. Aber es gibt ja verschiedene Abstufungen, wie man seine Unkenntnis oder auch seinen Unwillen, historische Tatsachen zur Kenntnis zu nehmen, äußern kann. Das geschieht dann aber eher nicht im großen Rahmen einer Lesung, sondern im Anschluß daran, wenn einzelne Schüler zu mir kommen und mich zum Beispiel fragen: „Woher wollen Sie wissen, daß das mit den Gaskammern stimmt?“ Oder neulich, als mir einer erklärte, daß die Zahl der in der Shoa Ermordeten in Wirklichkeit viel niedriger sei; er kenne ein Dokument, das das beweise. Da muß man natürlich dagegenhalten. Schwierig wird es, wenn einer partout alles anzweifelt. Mit jemandem, der überzeugt ist, daß die Erde eine Scheibe ist und für den weder Fakten noch Argumente zählen, kann man schwer diskutieren.
Die Veranstaltungen wurden von der Schulkontaktstelle und dem Sachgebiet 9.2 Universität und Gesellschaft durchgeführt.