02.06.2026
Zu Besuch bei unseren Nachbarn in Ústí nad Labem, wo sich Wege kreuzen und neue entstehen…
Ende Mai 2026 verwandelte sich die Jan-Evangelista-Purkyně-Universität (UJEP) im böhmischen Ústí nad Labem für vier Tage in einen internationalen Begegnungsort der Germanistik. Rund 150 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus 21 Ländern folgten der Einladung des Germanistenverbandes der Tschechischen Republik und brachten ihre Fragen, Ideen und Perspektiven mit an die Elbe.
Das Thema der Konferenz wirkt zunächst ungewöhnlich: „(Kreuz)Wege der Germanistik“. Welche Wege sind noch kaum beschritten, welche beschwerlich und wo führen sie eigentlich hin? Vier Tage lang wurde präsentiert, diskutiert und weitergedacht – und mancher neue Weg begann genau hier…
Die internationale Konferenz „(Kreuz)Wege der Germanistik" fällt in ein besonderes Jahr. So feiert die UJEP ihr 35. Gründungsjubiläum, die Philosophische Fakultät ihren 20. Jahrestag und erstmals in der tschechischen Geschichte ist die Universität in Ústí nad Labem Austragungsort der internationalen Konferenz des tschechischen Gemanistenverbandes. Ein passender Rahmen für ein Fach im Wandel.
Gewandelt haben sich nicht nur Politik und Gesellschaft, auch Sprache befindet sich zwischen neuen theoretischen Ansätzen, gesellschaftlichen Entwicklungen und interdisziplinären Öffnungen. Die Konferenz lud dazu ein, historische Entwicklungen und zukünftige Perspektiven der verschiedenen Teildisziplinen der Germanistik zu diskutieren – von der Literatur- und Sprachwissenschaft über die Kulturwissenschaft bis hin zur Fachdidaktik. Dazu gehören Chancen und Perspektiven, aber auch Brüche, Umwege und produktive Krisen des Fachs.
Podiumsdiskussion im Kaisersaal des Regionalmuseums in Ústí nad Labem
Für großen Zuspruch sorgten Daniela Strigl, Clemens Ruthner und Florian Lorenzen, die im Stadtmuseum über „Literaturkritik im Wandel: Zwischen Feuilleton und Instagram" sprachen. Thematisch schloss daran der Plenarvortrag von Prof. Simon Meier-Vieracker (TU Dresden, Institut für Germanistik und Medienkulturen), der sich mit gezielter Wissenschaftskommunikation im Kurzvideoformat auf TikTok auseinandersetzte. Er zeigte auf anschauliche Weise, dass Germanistik auch dort ankommen sollte, wo man sie vielleicht nicht erwartet oder gar mit ihr hadert.
In den Sektionen gab es unterschiedliche thematische Anknüpfungspunkte. So stand in der Fachdidaktik eine erfolgreiche Lehrkräftebildung im Mittelpunkt. Ausgehend von subjektiven Theorien angehender DaF-Lehrkräfte in der grundständigen und alternativen Lehrkräftebildung in Tschechien (Dr. Petra Fukova, UJEP), über curriculare Veränderungen des DaF-Unterrichtes in Tschechien (Jana Veličková & Miroslav Janík, Masaryk Universität, Brno) bis hin zu sprachsensibler Professionalisierung in der grundständigen und alternativen Lehrkräftebildung (Dr. Peggy Germer & Denise Hornig, ZLSB, TU Dresden).
Ein besonderes Highlight war die Autorenlesung mit Peggy Mädler, die ihre im Herbst erscheinende Anthologie über Brüche und Umbrüche in Ústí nad Labem vorstellte – passend zum tschechischen Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2026.
Autorinlesung und Gespräch mit Peggy Mädler (Moderation Daniel Schmidt), Amphitheater, Uni-Campus
Für das ZLSB der TU Dresden war die Konferenz mehr als ein Fachkongress, sie war ein Wiedersehen unter Freunden. Seit mehreren Jahren verbindet das ZLSB und die UJEP eine lebendige Partnerschaft, geprägt von gegenseitigen Besuchen, gemeinsamen Tagungen und Projekten rund um digitale Lehr-Lern-Formate – etwa im Rahmen von „Germanistik Digital" und „Deutsch Unterricht Online". Besonders am Herzen liegt beiden Seiten die Frage, wie dem Lehrkräftemangel begegnet werden kann und welche alternativen Wege in den Lehrberuf möglich sind – in Tschechien wie in Sachsen.
Sektion Fachdidaktik, Dr. Petra Fuková (Institut für Germanistik, UJEP) © Peggy Germer
Sektion Fachdidaktik, Denise Hornig und Dr. Peggy Germer (ZLSB, TU Dresden) © UJEP
v.l.n.r.: Dr. Peggy Germer (ZLSB, TU Dresden), Dr. Petra Fuková (Institut für Germanistik, UJEP), Dr. habil. Hana Bergerová (Institut für Germanistik, UJEP), Denise Hornig (ZLSB, TU Dresden) auf den Stufen des Amphitheaters der UJEP © UJEP
Dr. Petra Fuková und Dr. habil. Hana Bergerová (Institut für Germanistik, UJEP) haben das ZLSB in diesem Kontext bereits mehrfach besucht. Dr. Fukovás Beitrag zur internationalen Publikation „Teacher Shortage in International Perspectives" über das kombinierte DaZ-Studium zeigt dabei eindrücklich, wie eng die Erfahrungen beider Länder miteinander verwoben sind.
Ústí nad Labem liegt kaum eine Stunde Zugfahrt von Dresden entfernt – und so war diese Konferenz eine Erinnerung daran, wie viel auf kurzem Wege entstehen kann, wenn man aufeinander zugeht. Die Kreuzwege der Germanistik führen eben manchmal direkt zum Nachbarn.
Herzlichen Dank für die großartige Organisation an das gesamte tschechische Team in Ústí nad Labem.
Ansprechpartnerin: Dr. Peggy Germer <peggy.germer@tu-dresden.de>