Invektivität

– ein geistes- und sozialwissenschaftlicher Forschungsverbund an der TU Dresden

Kontakt: gerd.schwerhoff@tu-dresden.de

Invectivity
All aspects of communication - whether verbal or non-verbal, oral, written, or through gestures or pictures - with the ability to disparage, offend or exclude can be categorised as "invectivity". The Collaborative Research Centre "Invectivity. Constellations and Dynamics of Disparagement" intends to investigate these aspects and manifestations of communication. The group will study forms of vilification and revilement in a wide range of contexts from the ancient world to the present day, including phenomena which only acquire their invective character through acts of follow-on communication or the interpretations of third parties. The long-term objective is to develop a theory of invectivity.

Phänomene der Schmähung und Herabwürdigung, der Beschämung und Bloßstellung lassen sich epochen‑ und kulturübergreifend als Fundamentaloperationen gesellschaftlicher Kommunikation verstehen. Als Störungs-, Stabilisierungs- und Dynamisierungsmomente sozialer Ordnungen haben sie das Potential, Gemeinschaften zu bilden und Gesellschaften zu prägen; dabei wirken sie zugleich destruktiv wie produktiv. Der Forschungsverbund fasst solche Phänomene unter dem Terminus Invektivität. Er beschreibt begrifflich jene Aspekte von Kommunikation (ob verbal oder nonverbal, ob mündlich, schriftlich, gestisch oder bildlich), die dazu geeignet sind, herabzusetzen, zu verletzen oder auszugrenzen. Erscheinungsformen und Funktionen des Invektiven – verstanden als sich realisierender Modus von Invektivität – unterliegen dabei keinem starren Muster, sondern treten in medialer, politischer, sozialer und ästhetischer Hinsicht in komplexen, historisch variablen Konstellationen auf. Sie können deshalb angemessen nur als performatives Geschehen, als relationales Geflecht von Zuschreibungen, Resonanzen und Anschlusskommunikationen sowie im Kontext ihrer sozialen, diskursiven und medialen Ermöglichungsbedingungen verstanden werden. Alle Ebenen des Sozialen werden von den produktiven Momenten destruktiver Kommunikation insofern mitbestimmt, als sie davon entweder hervorgebracht oder aufgelöst, jedenfalls aber verdichtet oder unter Spannung gesetzt werden.

Mit dem Konzept der Invektivität unternimmt es der Forschungsverbund, eine neue Perspektive kulturwissenschaftlicher Forschung zu entwickeln, um Voraussetzungen und Effekte herabsetzend-destruktiver Kommunikation kontextübergreifend beschreibbar zu machen und damit die zentrale Rolle, die die mit polemogenem Potential operierende Kommunikation für Gesellschaften einnimmt, erstmals umfassend in den Fokus der Forschung zu stellen. Er zielt kurz- und mittelfristig auf eine komparative Analytik von Konstellationen und Dynamiken des Invektiven, mittel- und langfristig auf eine Theorie von Invektivität. Die empirische Grundlage für eine Analyse der komplexen Konstellationen von Invektivität wird ein breites Spektrum von Untersuchungen bereitstellen, die von der Antike bis zur Gegenwart reichen. Sie dienen dazu, die unterschiedlichen Ausprägungen und Abstufungen von Invektivität – von der flüchtigen Gruppenkonstitution über (De-)Formationen sozialer Ordnungen bis hin zu epochalen Brüchen – zu erfassen. Auf dieser Basis werden gesellschaftliche Funktionen und kulturelle Formen von Invektivität sicht-, beschreib- und vergleichbar gemacht. Die Kategorie der Invektivität wird so als wirkmächtiger Modus von Interaktions- und Kommunikationsprozessen profiliert, um das Soziale in seiner Konflikthaftigkeit und Polemogenität angemessen zu konzeptualisieren. Damit sucht der Forschungsverbund systematisch nach den Momenten der Beleidigung und Herabsetzung als eigensinnigen Medien des Konflikts und der Dynamisierung von Kultur.

Im Forschungsverbund arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Geschichtswissenschaften und der Kunstgeschichte, den Literaturwissenschaften (klassische Philologie, Germanistik, Romanistik, Amerikanistik, Slavistik), der Soziologie, der Politikwissenschaft und der Theologie zusammen.

Am 1. Juli 2017 wird der Forschungsverbund als SFB 1285 "Invektivität – Konstellationen und Dynamiken der Herabsetzung" seine Arbeit aufnehmen.

Teilprojekte:

Martin JEHNE, Geschichtswissenschaft:
Invektivität in Arenen ritualisierter Kommunikation während der römischen Republik und Kaiserzeit

Dennis PAUSCH, klass. Philologie:
Invektive
Inszenierungen. Verbale Herabsetzungen in der römischen Gesellschaft des 1. Jh. v. Chr. zwischen literarischer Tradition und fingierter Mündlichkeit

Uwe ISRAEL, Geschichtswissenschaft: Agonale Invektiven. Schmährededuelle im italienischen und deutschen Humanismus

Marina MÜNKLER, Germanistik:
Sakralität und Sakrileg. Die Herabsetzung des Heiligen im interkonfessionellen Streit des 16. Jahrhunderts  

Jürgen MÜLLER, Kunstgeschichte:
Parodie und Pasquinade. Gestalt und Genese von Modernisierungsprozessen frühneuzeitlicher Kunst.

Alexander KÄSTNER/Gerd SCHWERHOFF, Geschichtswissenschaft:
Pamphlete, Pasquille und Parolen. Invektive Dynamiken frühneuzeitlicher Öffentlichkeit

Dagmar ELLERBROCK, Geschichtswissenschaft:
Invektiven als emotionale Mobilisierung von der Weimarer Republik zum Nationalsozialismus, 1924–1938

Dominik SCHRAGE, Soziologie:
Das Spießerverdikt: Formen, Funktionen und Dynamiken der Invektive gegen gesellschaftliche Mittellagen in der Moderne

Lars KOCH/Tanja PROKIC, Medienwissenschaft:
Theater der Diskriminierung. Darstellung und Reflexion invektiver Dynamiken in Gegenwartstheater, Performance und Aktionskunst

Katja KANZLER, Amerikanistik:
Populärkulturelle Poetiken und Politiken des Invektiven: Der invective mode im zeitgenössischen US-amerikanischen Fernsehen

Elisabeth TILLER, Italianistik:
Invektivität in literarischen und filmischen Darstellungen von Migration im Italien des 20./21. Jahrhunderts

Joachim SCHARLOTH, Sprachwissenschaft:
Das Metainvektive als diskursive Ressource: Soziale Bewegungen als Laboratorien des Invektiven in der Bundesrepublik Deutschland

Sabine MÜLLER-MALL, Rechtswissenschaft:
Invektivität im Netz: Persönlichkeitsschutz, Freiheitsrechte und die Konstitution von (digitalen) Öffentlichkeiten

Kontakt: gerd.schwerhoff@tu-dresden.de

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Alexander Kästner
Letzte Änderung: 01.06.2017