DFG-Projekt "Time has come today"

Das Projekt "Time has come today. Die Eigenzeiten popmusikalischer Chronotope und ihr Beitrag zur temporalen Differenzierung von Lebenswelten seit den 1960er Jahren" ist im Schwerpunktprogramm 1688 "Ästhetische Eigenzeiten. Zeit und Darstellung in der polychronen Moderne der Deutschen Forschungsgemeinschaft situiert. Es begann seine Arbeit im April 2014 an der Universität Lüneburg und ist seit Juni 2015 an der TU Dresden tätig. Projektleiter ist Prof. Dr. Dominik Schrage, Postdostdoktorand ist der Musikwissenschaftler Dr. Holger Schwetter, Doktorandin ist die Soziologin Anne-Kathrin Hoklas.

Worum geht’s?

Bestimmte Orte sind zu bestimmten Zeiten für Popmusik und -kultur besonders wichtig, dort passiert „etwas", man hat das Gefühl „ganz vorne“ oder bei etwas „Wichtigem“ dabei zu sein. An diesen Orten und zu diesen Zeiten stehen Performance und Erleben von Musik im Mittelpunkt, zugleich eta­blieren sich bestimmte Verhaltensweisen, Sprachen oder Moden und wirken nach außen. Diese vielschichtigen Verschränkungen von Raum, Zeit und Erleben nennen wir „Chronotopoi", einen Begriff des Literaturwissenschaftlers Michail Bachtin auf­greifend. Sie sind nicht identisch mit einem Ort, einer Musikrichtung oder einer definierbaren Form der Aufführung, sie sind deren stimmiges Zusam­mentreffen in bestimmbaren Situationen. Wir sind auf der Suche nach Chronotopoi, die im Zeit­raum von Mitte der 1960er bis Ende der 1980er Jahre in der Bundesrepublik entstanden und ge­sellschaftl­ich und kulturell bedeutsam wurden. Darüber hin­aus wollen wir ihre Bedeutung für die Biographien von Beteiligten (ob als Protagonistin­nen oder im Publikum) sowie auf einer weiteren Ebene für den sozialen und kulturellen Wandel beleuchten. Denn Popmusik begleitet diesen seit den 1960er Jahren, sie steht symbolisch für die gesellschaftlichen Pluralisierungs- und Emanzipa­tionsprozesse dieser Zeit – inwiefern aber hat sie diesen gesellschaftlichen Wandel mitgeprägt?

Die progressive Landdisko

Ab Mitte der 1960er Jahre entstehen vielerorts in der westdeutschen Provinz Tanzschuppen, Musik­clubs oder Diskotheken genannte Räume, in de­nen sich Jugendliche aus einem weiten Einzugs­bereich treffen, um „progressive“ Musik zu hören und zu tanzen. „Progressiv“ war damals ein Sam­melbe­griff für verschiedene Spielarten von Rock­musik, die als authentischer Ausdruck von Mu­sikerpersönlichkeiten galten. Protagonisten einer Jugendkultur, die sich zuerst im Privaten entwick­elte, schaffen zum ersten Mal öffentlich zugäng­liche Räume, die ein besonderes Erleben von Musik und Sozialität ermöglichen. Zum Teil gibt es diese Lo­kalitäten noch heute. Die „progressive Landdisko“ steht für die flächendeckende Etablierung von Jugend- und Subkul­tur seit Mitte der 1960er Jahre, sie hat Identitäten, Lebensentwürfe und -verläufe in vielfältiger Weise geprägt.

Ruinen der Negativität

Ab Mitte der 1970er Jahre entstehen neue popkul­turelle Ideen und Bewegungen, die sich vor allem durch die vehemente Ablehnung einer „Hippiekul­tur“ definieren. Musikstile wie Punk, New Wave und Industrial bilden sich heraus. Erlebnis-Räume dafür bieten häufig ehemals progressive Diskothe­ken, aber auch ganz andere, urbane und abseitige Räu­e werden entdeckt und genutzt. Kompromiss­losigkeit, Ablehnung, Aggressivität und „no future“ auf der einen und eine Affinität zu Ästhetisierung, Kunst und Künstlichkeit auf der anderen Seite sind auch für eine bestimmte Mode und weitere kultu­relle Ausdrucksformen in den 1980er Jahren prä­gend. Die in diesem Zusammenhang entstehen­den Chronotopoi nennen wir „Ruinen der Nega­ivi­tät“. Sie werden Ende der 1980er Jahre abgelöst und/oder gehen in neuen Entwicklungen auf, die (noch) nicht im Zentrum unseres Projekts stehen.

Vorgehensweise

Ausgehend von einem umfangreichen Studium und der Analyse journalistischer, biographischer und literarischer Texte, TV-Reportagen, dokumen­tarischer und fiktionaler Filme sowie musikali­scher Werke sollen popmusikalische Chronotopoi beschrieben und greifbar gemacht werden. Da­rüber hinaus werden sie durch Interviews und ei­nen ethnographischen Zugang erschlossen.
Für die Allgemeinheit wird das Projekt durch die interaktive Kartenanwendung Poptraces zugänglich, auf der Interessierte Orte, Ereignisse und Erinnerungen eintragen können, die sie mit ihrem eigenem popmusikalischem Erleben verbinden. Damit stel­len sie dem Projekt ihr Wissen um vergangene Chronotopoi zur Verfügung.

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Dominik Schrage
Letzte Änderung: 04.06.2017